Himmel und Erde

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Xiaoshanzi2013 alias Piet Trantel – 28. Mai 2013

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Himmel und Erde

Heutzutage als Europäer in der Tradition der aristotelischen Peripatetiker durch die Säulenhallen eines athenischen Lyceums zu wandeln, würde Griechenland wahrscheinlich schmeicheln. Wer will das schon? Manchmal würde ein kleiner Spaziergang an der frischen Luft meinen Studenten allerdings wirklich gut tun und unsere Gespäche ein wenig auflockern. Wenn ich manchmal irgendwohin oder auch nur ziellos umher gehe, geniesse ich, dass die Gedanken sich mit den Füssen in Bewegung setzen. Da geschieht etwas, das nicht möglich ist in der akademischen Lehre, nicht beim Autofahren, im Bus oder Zug und nicht im Flugzeug. Nicht einmal auf dem Fahrrad oder zu Hause. Es könnte sein, dass ausser der sich langsam verschiebenden Wahrnehmung, wenn man so in Bewegung ist, auch der direkte Kontakt zur Erde eine Rolle spielt. Oder dass man nichts über seinem Kopf hat als den Himmel. Bewegung zu Fuss scheint die Wahrnehmung in andere Bahnen zu lenken, Himmel und Erde das Denken zu beflügeln.

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Über seine Verdauung hat ja jeder Mensch einen indirekten Kontakt zu Himmel und Erde. Denn alles, was gegessen wird und durch den Körper wandert, kommt aus der Erde und wächst in den Himmel. Deswegen ist der kurze Fussweg des Städters zum Einkaufen von Gemüse und Obst auf dem Markt in doppelter Hinsicht eine gute Gelegenheit, sich ein paar Gedanken durch den Kopf gehen zu lassen.

Mein Weg zum Frühmarkt führt durch eine Siedlung, die in den 80er Jahren gebaut wurde, also nach der Reform der Öffnung oder der 改革开放. Es hiess damals nicht mehr Befreiung (解放) des Volkes und des Denkens oder Revolution (革命) der Kultur, sondern wirtschaftliche Umorientierung und damit Annäherung an den westlichen Kapitalismus bei gleichzeitigem Festhalten an der sozialistischen Staatsform war die Herausforderung der Zeit.

Der Raum zwischen den Gebäuden der Siedlung wurde von den Stadtplanern so gestaltet, dass die Bürger sich dort in ihrer Freizeit erholen, die Kinder spielen konnten, aber niemand selbst in die Gestaltung eingreifen sollte. In Wirklichkeit werden die Zwischenräume auf dem Platz von den Anwohnern aber für den Anbau von Gemüse genutzt. Damit können sie ein bisschen Geld sparen und haben die Gewissheit, dass das Gemüse nicht so stark mit Pflanzenschutzmitteln behandelt ist wie das auf dem Markt. Es sind die älteren Bürger, die hierin eine sinnvolle Beschäftigung sehen. Sie haben Bewegung unter freiem Himmel und berühren den Erdboden. Auch am Strassenrand wird jeder Quadratmeter und die Brüstung für das Anpflanzen von Bohnen und Kürbissen oder Gurken genutzt.

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Die Kinder spielen hier schon längst nicht mehr. Überhaupt sollen sie ja vor allem lernen. Fürs Leben, oder den Ernst des Lebens. Das fängt schon im Kindergarten an. Erst wenn sie einen erfolgreichen Beruf haben und viel Geld verdienen, damit ihre Eltern im Alter abgesichert sind und sie die Ausbildung der eigenen Kinder bezahlen können, ist die Aufgabe ihrer Eltern erfüllt. Da bleibt den Eltern und Kindern keine Zeit zum Spielen, spazieren gehen und Gemüse anbauen. Die Generation der Menschen in der Stadt, die noch einen ländlichen Hintergrund haben, der sich auch in ihrer Lebensweise zeigt, ist sowieso schon so gut wie ausgestorben.

Die Stadt bemüht sich heute um ein modernes Image. Deshalb veranstaltet sie die Expo 2013 (世界园林博览会). Die Bürger der Stadt waren sogar eingeladen, sie zwei Wochen vor der Eröffnung gratis zu besuchen, weil man testen wollte, ob alles reibungslos läuft. Jetzt können die hiesigen Rentner noch ohne Ticket und Studenten zum halben Preis die Expo anschauen. Sie sind dann nichts anderes als die Statisten für das Theater des Stadtmarketing. Letztlich ist die ganze Veranstaltung eine Werbung fuer Urbanisation, die laut der letzten 5-Jahres-Guidelines massiv vorangetrieben werden soll. Und sie ist ein Projekt der Erziehung der jungen Generation zu ordentlichen, sprich zivilisierten (文明) Städtern. Gemeint ist damit, bewusst und gewollt, ohne dass es jemand aussprechen müsste, Bildung als Basis für Konsum von Luxusgütern.

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Die Expo soll Beispiele dafuer präsentieren, wie die Landschaft oder die Umwelt nach den Wünschen und Bedürfnissen der Menschen gestaltet oder umfassend verbessert (für heilen und herrschen oder regieren wird dasselbe Wort benutzt) werden kann. Ich muss zugeben, mich hat bisher noch nichts dazu verlocken können, unbedingt sehen zu wollen, wie Stadtplaner und Landschaftsarchitekten die Welt der Expo oder zumindest das Gelände der Ausstellung mit Steuern verschlingenden Massnahmen verschönert haben. Während die Städtereklame ein besseres Leben in einer sauberen Umwelt suggeriert, weisen die Bürger selbst mit handgeschriebenen Tafeln auf die Eröffnung der Expo hin. Sie steht unter dem Motto: Die Stadt und das Meer – eine harmonische Zukunft. Dafür wurden Tonnen von Erde bewegt worden, Strassen und Dämme gebaut, nutzlose Architektur entworfen, der Küstenverlauf neu angelegt, und wie immer wurde in letzter Minute alles mit Pflanzen hübsch dekoriert. Dabei ist Wasser schon längst ein Thema in den Städten. Es gibt kaum noch Gegenden, wo man das Leitungswasser trinken kann. Es wird in 20l Kanistern zu etwa 10 RMB bestellt und ins Haus geliefert. Eine günstigere Variante sind Trinkwasser-Automaten auf der Strasse, deren Qualität aber nur die wenigsten trauen.

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Die Tage der Siedlung sind gezählt. Häuser aus den 80er Jahren gelten als alt und sind angeblich oder wirklich nicht mehr zu renovieren. Entscheidend ist, dass man auf der gleichen Flaeche viel mehr Wohnraum schaffen kann. Da wird dann gleich das ganze Viertel abgerissen und neu gebaut. Auf einem Pfeiler des Strassengeländers winkt auch schon die Werbung einer Umzugsfirma 笑笑搬家 (lächelnd umziehen). Und ich vermute, bei vielen, besonders den jüngeren, ist die Modernisierung der Stadt so willkommen wie der Strassenbau und die Neubauten nach der Wende bei vielen Buergern der Ex-DDR. Die alten faulen Zähne werden kurzerhand gezogen und ein komplettes neues Gebiss eingesetzt. Der Patient traut sich wieder zu lachen, und der Zahnarzt freut sich.

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China ist der letzten Wirtschaftskrise und der millionenfachen Arbeitslosigkeit mit einem gigantischen Wohnungsbauprogramm begegnet. Die neuen Hochhäuser sind bereits überall in der Stadt im Bau und sie sollen so aussehen wie auf den Plakaten. Hier werden nicht nur Quadratmeter verkauft, sondern ein städtischer Lebensstil angepriesen. Der Freiraum um die Gebäude wird von den Bauherren gestaltet und der Stadt gepflegt. Die neuen Generationen chinesischer Bürger, die in diese Wohnungen einziehen oder sie nur als Geldanlage kaufen, werden nicht mehr das Bedürfnis verspüren, selbst im Garten Gemüse anzubauen. Alles was man zum Leben braucht, wird es im Supermarkt geben. Die oberen Zehntausend können sich ja ein kleines Gärtchen auf dem Land kaufen. Solche privaten Transaktionen hat die Regierung bisher gesetzlich nicht unterstützt. Aber wenn die Medien nun Werbung dafür machen und dass man doch im Vorgarten Blumen ziehen kann, dann ist die Gesellschaft dort angekommen, wo die deutschen Städter ihre Wochenenden im Kleingarten verbracht haben.

Deng Xiaoping (邓小平) hat mit der Reform der Öffnung 1979 zunächst einigen Chinesen Reichtum versprochen. Aber das würde den Wohlstand für alle anderen mit sich ziehen, hiess es. 1982 wurde von ihm der Begriff des Sozialismus chinesischer Prägung eingeführt. Was das genau bedeuten sollte, daran wird noch heute herum interpretiert. Es war auf jeden Fall ein Spagat zwischen dem damaligen Ost- und Westblock, zwischen Kommunismus und Kapitalismus, zwischen Plan- und Marktwirtschaft. Es hiess 中国特色社会主义. Die Gesellschaft wird mit den beiden Zeichen 社会 erfasst. Offensichtlich sind hier die Erde (土) und der Himmel in Form einer Wolke (云), auf der der Mensch schwebt (人), die Bedeutungsträger, ganz wie auf meinem unperipatetischen Spaziergang zum Markt. Das besondere der sozialistischen Gesellschaft chinesischer Prägung wurde mit den Worten 特色 erfasst. 色heisst dabei etwa Färbung, und 特 ist das Besondere an der Farbe. Auch darin kommt wieder die Erde vor. Kein Wunder, denn China galt zu der Zeit noch als Arbeiter und Bauernstaat. Die Erde (土) wurde im Land von Ochsen (牛) vermessen (寸) oder eben bearbeitet. Die geplante Urbanisation der Bevölkerung von derzeit 50% auf den westlichen Standard erfordert die komplette Industrialiserung der Agrarwirtschaft. Da reicht es nicht mehr, wenn Ochsen die Pflüge ziehen. 特色 wird dann in den Wörterbüchern der Zukunft nicht mehr mit 牛 als Radikal zu finden sein, sondern mit Traktoren und Mähdreschern, mit Fahrzeugen aller Art (车).

Das Fahrzeug wäre eine Möglichkeit, das Zeichen für den besonderen Sozialismus zu modernisieren. Aber bleiben wir mal beim Ochsen, der Erde und dem Messen. Mit der Fünf-Elemente-Lehre könnte man andere Tiere und andere Elemente in das Zeichen für “besonders” einfügen. Die fünf Tiere wären nach der Lehre Hund, Schaf, Ochse, Hahn und Schwein (狗羊牛鸡猪). Wenn man sie als Radikal in einem Zeichen verwendet, sehen sie so aus: 犬羊牛鸟豕. Kombiniert man sie nun mit den fünf Elementen Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser (木火土金水), entstehen ausser dem altbekannten 特色 vier neue Zeichen:

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Ebenso wie den “typisch chinesischen” Sozialismus könnte man nun die vier neuen Zeichen als Gesellschaftsformen lesen, wie sie sich in der Geschichte menschlicher Zivilisation entwickelt haetten. Das erste Zeichen wäre eine Gesellschaft der Hunde oder gezähmer Wölfe, die den Wald vermessen, die Gesellschaft der Jäger und Sammler. Die zweite eine der Schafe und Ziegen, die im Feuer geopfert werden, eine nomadische Gesellschaft, die einen religiösen Kult pflegt. Dann käme die Gesellschaft, die die Erde mit Ochsen pflügt, Ackerbauer und Viehzüchter oder der chinesische Arbeiter- und Bauernstaat, ein sesshaftes gewordenes Volk. In der darauf folgenden Gesellschaftsform wuerden Vögel Metall messen, oder vielleicht Flugzeuge das Geld zählen. Klingt das nicht nach der industriellen oder digitalen Gesellschaft, in der die Menschheit jetzt lebt? Aber was käme danach? Erwartet uns in der Zukunft eine Gesellschaftsform, in der Schweine das Wasser messen?

Ich weiss nicht, wie diese Gesellschaft aussehen wird, aber alles deutet auf die elementaren ökologischen Probleme hin, die der Mensch verursacht hat. Nach der oben genannten Lehre könnte man den Gesellschaftsformen die Gefühle Zorn, Freude, Verlangen, Trauer und Furcht zuordnen, Demnach befindet sich ein grosser Teil Chinas noch im Stadium des Verlangens. In Europa ist schon Trauer angesagt. Steuert die Menschheit auf eine Zukunft zu, in der sie das Fürchten lernen muss? Es sieht so aus, als läge die beste Zeit hinter uns, als hätten wir sie durch ständige Weiterentwicklung, durch unseren Fortschritt ausgelöscht. Nun, vielleicht gibt es ja doch keinen Zeitpfeil, keinen Fortschritt und keine Entropie, sondern es ist alles ein Kreislauf und wiederholt sich. Dann können wir uns nach der Furcht vor schutzigem Wasser und dem Zorn beim Jagen und Sammeln wieder auf eine zukünftige nomadische Gesellschaft freuen. Ich bezweifle jedoch, dass die derzeitige Migration aus wirtschaftlichen Gründen, der weltweite Tourismus oder das moderne Stadtnomadentum und die neue Landflucht diese glückliche Zukunft voraussagen. Alle haben ein Dach ueber dem Kopf und keinen Boden mehr unter den Füssen. Und ich bezweifle noch mehr, dass meiner unwissenschaftlichen Privattheorie auch nur ein Student folgen würde. Und wenn ich die Säulenhallen hundertmal auf- und abmarschiere. Studenten wollen Prüfungen bestehen und ihre Diplome in die Tasche stecken. Niemand braucht Bewegung, keine geistige und keine körperliche. Andere Prediger wussten schon, dass man den Leuten erst was zu beissen anbieten muss, damit sie überhaupt zuhören.

Ich bin inzwischen auf dem Markt angekommen. Dort gibt es einige Stände, an denen man frühstuecken kann. Da genehmige ich mir einen fettigen 油条 (wörtlich Ölstengel, in meist altem Öl gegarter Hefeteig) und dazu scharfes 豆腐脑 (Tofu-Brei, wörtlich Gehirn, mit pikanten Gewürzen). Das dürfte dem Gedankenfluss bis abends den Garaus machen.

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