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Kolumne: Blick über den Gartenzaun

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von Da Shabi aka Xiao Shaozi

Tour der sozialistischen Dorferneuerung in Daling, Songshan Zhen

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(Da Shabi 大煞笔  ist wörtlich das große Bremsen des Stiftes oder Pinsels und meint im übertragenen Sinne das Schlusswort, das letzte Kapitel, das in dem Buch von Haus zu Haus zwar noch nicht geschrieben ist, bei dem aber das Künstlerkollektiv den Stift gehalten hat und nun beiseite legt. In einer anderen Schreibweise mit gleicher Aussprache ist 大傻逼 der große Dumme, über den in der VR alle Entscheidungen hinweg mit noch weniger Mitbestimmung ergehen als über den Rest des Volkes, und der in der BRD bei allem gesellschaftlichen Engagement dasjenige für die eigene Hermetik völlig vernachlässigt hat. Das aka Xiao Shaozi 小勺子 ist der kleine große Löffel, mit dem man sich den Brei, den es auszulöffeln gilt, selbst eingebrockt hat.)

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Daling ist ein Dorf, das knappe 10 km südlich der Stadtgrenze von Jinzhou liegt. Auf der Provinzstrasse 209 fährt man daran vorbei und erreicht die Autobahnauffahrt der G1, die den äussersten Norden der Volksrepublik mit der Urlaubsinsel Hainan Dao im Süden verbindet. Das Dorf streckt sich an der stark befahrenen Staatsstrasse 102 entlang, liegt 250 km südwestlich der Provinzhauptstadt Shenyang und 500 km nordöstlich der Hauptstadt Beijing. Wer hier noch mit dem Fahrrad fährt, hinkt seiner Zeit hinterher. Der Autoverkehr hat in den letzten Jahren so zugenommen, dass Stau kein westliches Fremdwort mehr in den Nachrichten ist. Wer sich auf zwei Rädern bewegt, hat mindestens einen Elektromotor. Wozu sonst sollte die Regierung geplant haben, in den nächsten 5 bis 10 Jahren weitere 30 Kernkraftwerke mit sicherer deutscher Technologie aus dem Boden zu stampfen? Damit den Menschen in der Stadt Strom verkauft werden kann. Und auf dem Land soll die Landwirtschaft modernisiert und das Dorf erneuert werden.

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Auf einer Tour mit meinem alten und rückständigen Fahrrad der Marke Shanghai will ich mir anschauen, was denn hier ausser meinem Vehikel der Erneuerung und Modernisierung bedarf. Der erste Punkt, der auf der Agenda steht, ist nicht schwer zu erraten. Die Straße 102 soll neu ashaltiert werden. Mit stellenweiser Reparatur der Löcher, die jeder frostige Winter hier in die Straßen frisst, ist es nicht mehr getan. Für den Autoverkehr ist die Baustelle ein zusätzliches Hindernis. Für mich hat sie den Vorteil, dass ich das Rad hin und wieder schieben muss und mir in Ruhe die Plakate durchlesen kann, die die Regierung überall so zahlreich hat aufhängen lassen, dass sie keiner mehr beachtet. Ohnehin interessiert sich niemand für die politischen Botschaften darauf, oder besser gesagt hat keine Zeit dafür, weil genau die Geld bedeutet. Den Zielen der Politik zu folgen, ist auch keine Frage der Aufmerksamkeit und des politischen Gehorsams mehr, sondern eine notwendige Folge wirtschaftlicher Zwänge.
In Deutschland wiegt sich der Bürger immer noch in dem Gefühl, dass die Politik seinen Wünschen und ökologischem Bewusstsein mit der nach Fukushima beschlossenen Energiewende folgt, auch wenn der eine oder andere inzwischen durch die Energiepreise vor Schreck erwacht ist. Aber selbst nach dem Erwachen traut sich nun offenbar niemand, dem selbst gewollten oder gewählten Öko(-logie oder -nomie?) terror Paroli zu bieten. Wovon die Politik die Menschen in Daling überzeugen will, lautet auf den Plakaten etwa so:

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Die Chance ergreifen, den Geist erwecken und die Erneuerung des Dorfes vorantreiben.
Verbesserung der Umwelt bedeutet Befreiung und Entwicklung der Produktionskraft.

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… des Handels, Erneuerung der Methoden zur Investition von Kapital.
Das Dorf und die Umgebung verschönern, das Glück mit der Familie teilen.
(Und vor dem Plakat steht einer der vielen neu gebauten Abfallcontainer.)

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Auf der ländlichen Basis der Partei (…) ein harmonisches und glückliches neues Dorf politisch korrekt erschaffen. Die ganze Partei betreibt, das ganze Volk teilt die gemeinsame sozialistische Dorferneuerung.

Schöne Worte, aber keine konkreten Handlungsanweisungen, das ist typisch für Regierungen. In kapitalistischen Demokratien müssen sich die Parteien in Opposition oder Regierung vorsichtig ausdrücken, damit sie (wieder) gewählt werden. Hier gibt es de facto nur eine Partei, und die kann sagen, was sie will. Mit der neuen Regierung achtet sie nun nebenbei auch auf politische und ökologische Korrektheit, wobei aber vor allem das wirtschaftliche Wachstum steigen soll. Aus dem Volk sagt keiner etwas dazu oder dagegen. Das heisst nicht, dass alle befolgen, was die Partei sagt. Jeder folgt seinem eigenen Lebensweg, wo er nicht durch Gesetze daran gehindert wird.
Ich biege in eine Seitenstraße ab, auf der zwei junge Studenten damit beschäftigt sind, die Wände zu bemalen. Ich frage mich, wer ihnen im Dorf diesen Auftrag erteilt hat, aber sie können es mir nicht sagen. Sie wurden von der Kunstfakultät der Bohai Universität als Freiwiliige, die sich in den Ferien ein bisschen Geld verdienen wollen, abkommandiert. Da muss es also Beziehungen zwischen dem Bildungssystem und der Regierung geben. Soviel ist klar, aber mehr bekomme ich auch nicht heraus, ausser das die Entwürfe angeblich von den Studenten selbst stammen:

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Links sieht man den wohlgenährten Bauern, der mit seinem neuen Traktor reiche Ernte eingefahren hat, und rechts ist mein Lieblingsbild, weil es der Propaganda der Plakate in nichts nachsteht. Ein Mitglied der jungen Kommunisten hält das Banner der “harmonischen Gesellschaft” (dem Slogan der letzen Regierung, der mittlerweile vom “chinesischen Traum” abgelöst wurde) hoch, während besonders das junge Pärchen irgendwie ein bisschen dammelig aus der Wäsche blickt, als hätten sie noch immer nicht verstanden, was der Slogan von ihnen will. Dass das Land ihnen erlauben wird, zwei Kinder zu gebären, ist auf dieser Tour noch nicht Gesetz. Das Wort “dammelig” ist vermutlich ostpreussischen Ursprungs und heisst soviel wie dümmlich. Kein Wunder, dass mir im Nordosten des Reiches der Mitte Wörter einfallen, die aus dem einstigen Nordosten des deutschen Reiches stammen. Ich frage Dorfbewohner, was sie von der Wandmalerei in ihrem Dorf halten. Sie sagen: “Wieso? Ist doch schön, oder?”

 

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Von Xiao Bigengfoto_02_piet

Life Which Can’t Live
Painting a Tea Box with a Tooth Brush
after Allan Kaprow (Art Which Can’t Be Art, 1986)

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Von Xiao Bigengfoto_02_piet

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Stadt sanieren (拆迁 / 征服)

.2013/11/29 Kurz vor dem Beginn der Frostperiode wird auf dem ehemaligen Militärgrundstück abgerissen, damit im Frühjahr sofort mit den Erdarbeiten für eine neue Siedlung begonnen werden kann. Was hier noch ein letztes Mal für kurze Zeit aufscheint, sind die Spuren menschlicher Verhaltensweisen, die weit in die Geschichte der Zivilisation zurückweisen.

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Die streunenden Hunde am Eingangstor gehörten wahrscheinlich den ehemaligen Wärtern. Sie werden von einer Frau aus Mitleid mit Essensresten aus der Kantine der Kaserne gefüttert, die zwei Soldaten jeden Tag bringen. (Krieger und Wölfe)

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Auf der anderen Seite des Eingangstores sind provisorische Bänke, Hocker und ein Tisch zum Schachspielen aufgestellt. Ältere, vielleicht arbeitslose oder schon in Rente gegangene Männer treffen sich hier in der winterlichen Mittagssonne. (Rente und Pflege, Alter und Medizin)

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Fast alle Bäume und Büsche auf dem Gelände sind gefällt und zersägt, das Holz abtransportiert und verkauft. Eine Frau ist mit ihrem E-Bike gekommen und sammelt Reste, bündelt und verstaut sie auf dem Gepäckträger. (Sammlerin)

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Ein Hirte hütet seine Ziegen. Sie finden überall noch karge Pflanzenreste, knabbern an Ästen und trockenen Gräsern und düngen mit ihrem Kot unnötigerweise den mit Bauschutt bedeckten Boden. (Hirten und Nomaden)
Mais und Gemüse sind von den kleinen Feldern längst abgeerntet. (Ackerbau und Stadtgarten)

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Ein Arbeiter der alten Maschinenbaufirma bewacht Tag und Nacht alte Maschinenteile und Eisenschrott, solange dafür noch kein Käufer oder ein anderer Abstellplatz gefunden ist. Am Tag sitzt er vor einer kleinen mit Decken isolierten Bude, die mit alten Stühlen und einem Bett möbliert ist. Daneben ist ein Haufen Kohle aufgeschüttet, genug für einen Winter. Am späten Nachmittag feuert er den Ofen an. (Industriegesellschaft)

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Bei einigen abgerissenen Gebäuden, Betonpfeilern und Fundamenten wird ein Mann fündig. Er hämmert und meisselt auf dem Sockel einer Stütze herum, um den Baustahl herauszulösen und mit dem Verkauf nebenbei ein bißchen Geld zu verdienen. Ich frage, ob der Beton hart ist. Er will wissen, ob ich Polizist oder von irgendeiner Behörde bin und das Grundstück kontrolliere. Ich antworte, hm. Er fragt weiter, ob es in Ordnung ist, den Stahl zu nehmen. Ich sage, kein Problem. (Tausch, Handel, Währung, Kontrolle)

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Zwei Männer schießen Stahlkugeln auf etwas, das ich nicht erkennen kann. Einer der beiden zeigt stolz seine selbst gebaute Zwille, der andere hat eine gekaufte. (Jäger und Konsumenten)

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Hinter einem Reklameposter einer privaten Fremdsprachenschule versteckt sich ein Klo. Wer es nicht rechtzeitig nach Hause schafft, stellt sich hier mit seinen Füßen auf Pflastersteine und hockt sich über eine kleine Grube. (Klima und Umwelt)

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2014/4/14 Das Immobilien-Verkaufscenter wird immer als erstes errichtet und ist in architektonischer Hinsicht meist viel moderner oder zumindest auffällig dekorativer gestaltet als die Wohnungen und Hochhäuser selbst. Das Militärgrundstück ist nun eine fast vollständig leere Baulücke geworden. Wie die Industrie muss auch das Militär das Feld in der Stadt räumen für das landesweite Urbanisierungsprogramm. Daraus Profit zu schlagen, scheint dringend notwendig, um den immens erhöhten Rüstungsetat aufzufangen. Bald können die ersten Wohnungen verkauft werden. Der Bauherr braucht das Geld schnell wie möglich, um weiter zu investieren. Die Käufer haben es ebenso eilig, weil die Wohnungspreise mit der wachsenden Wirtschaft und dem Verlust der Kaufkraft des Geldes steigen. Wenn kein Frost mehr im Boden ist, beginnen die Tiefbauarbeiten. Noch können die alten Leute hier ein wenig Sport treiben. Ob aber in diesem Jahr noch jemand Mais und Gemüse anbauen wird, ist fraglich. (Domestikation der Gesellschaft)

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foto_01Xiaoshanzi2013 alias Piet Trantel – 19. August 2013

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Das Schuhregal – ein Ideen-Möbelstück

Der wichtigste Grund dafür, dass das Schuhregal überhaupt entstanden ist, war wohl meine Lust, etwas mit den Händen zu bauen, mal andere Werkzeuge einzusetzen als die Tastatur des Computers. Nebensächlich war, ob es wirklich gebraucht wurde, oder wie es aussehen würde. Es musste nicht schön, hässlich oder sublim werden, aber auch wieder nicht so schlicht bleiben, dass es der Regel “form follows function” folgte. Seine ästhetische Erscheinung war also völlig ®egal, es sollte nur an den vorgesehenen Platz passen.

Ich wollte kein neues Material kaufen und so wenig Werkzeug wie möglich benutzen. Es gab einen Stapel alter Bretter und Latten im Garten, verstaubt und teilweise morsch, alte rostige Nägel, eine stumpfe, eingerostete Säge und einen abgebrochenen Hammer. Das war genug.

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Es war gefühlt der heisseste Tag, feucht und heiss, mittags, und ich schwitzte wie in der Sauna, aber das Abmessen, Sägen und Hämmern hat deshalb umso mehr Spaß gemacht. Dementsprechend schnell war das Regal auch fertig. Aber, Moment. Noch nicht ganz.

Es sollte ja im Treppenhaus stehen, dort wo man die Schuhe wechselte. Das diente der Sauberkeit im Haus. Also musste der alte Schmutz und Staub vom Regal abgebürstet und gewaschen werden. Am nächsten Tag war es trocken, konnte aufgestellt werden. Aber jetzt kam noch der letzte Schliff, denn es war ja ein Ideen-Möbelstück. Was fehlte, war also die Idee, die ich ins Holz gravieren wollte.

Manche Ideen kommen zuerst, und dann muss man sie nur noch ausführen. Dabei wird man leicht zu seinem eigenen Sklaven. Andere Ideen kommen beim Machen oder auch erst danach. Bei mir ist es ein permanentes Wechselspiel zwischen Denken und Handeln.

Die Idee am Anfang war einfach ein Ort für das Wechseln der Schuhe. Daraus wurde dann das Schuhregal (鞋架), also die Schuhe und das Regal, wobei das zweite chinesische Zeichen auch Streit (es setzt sich zusammen aus Kraft, Mund und Holz) heissen kann. Gibt es nicht auch einen Zusammenhang zwischen Regal und Regel? Und oft Streit um die Regeln? Das wäre eine Idee, die man so aufs Regal schreiben könnte.

Oder wie wäre es mit einer Signatur, z.B. Piet Trantel fecit? Das wäre nicht das letzte, was einem Künstler einfiele, auch wenn er es an den Schluss setzte. Aber was schert mich die Kunst? Stattdessen fragte ich mich, ob ich es 制作 oder 创造 nennen sollte. Der erste Begriff wurde früher immer verwendet für “Made” in China. Damit jedoch wurden genau wie mit dem ehemaligen “Made in Germany” Produkte für den Export abgestempelt. Die wachsende Wirtschaft und ihre Propaganda haben inzwischen für ein neues Nationalbewußtsein gesorgt und den alten Slogan zu “Created” in China umgemünzt. Der Künstler 吴山专 hat daraus eine Arbeit entwickelt, die das Statement “Konsum ist kreativ” postuliert. Sich für die zweite Variante zu entscheiden, hieße, dass die Wiederverwendung von Abfall auch Kunst sein kann. Aber dann war mir die Aussage zu sehr ein Plädoyer für Recycling und irgendwie zu kreativ. Ich wollte es einfach “gemacht” nennen. Am Ende habe ich aber auch den Gedanken wieder fallen lassen.

Was oder welche Idee ausser des Streites um die Schuhe war denn nun “gemacht” oder in Form eines Möbelstückes sichtbar geworden?

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无从土革 – das waren die vier Zeichen, die ich ins Holz schneiden wollte. Ich habe meine Frau 苗田晔 gebeten, sie mit einem Bleistift vorzuzeichnen, weil sie eine so entschiedene Schrift hat. Bei ihr sah das 无 (nicht) ein bißchen so aus wie 天 (Himmel). Schöner Zufall, dachte ich. 无从 hieße, dass es keine Möglichkeit gäbe, etwas zu tun (oder denken). Vielleicht weil es an Material oder Werkzeug fehlt. Oder sagen wir, an Startkapital. 天从 müsste demnach heissen, dass der Himmel, also die Natur, für alles Nötige sorgt, damit man etwas tun und leben kann.

Und 土革 (土地革命) bezeichnet die 1946 begonnene Landreform in China. Die Kommunistische Partei sicherte sich damit die Unterstützung der armen Bauern. Land und sonstiger Besitz von Grundherren wurde enteignet und unter den Bauern verteilt. Damit wurden die früheren Dorf-Eliten beseitigt, die sich sonst der Partei entgegen gestellt hätten. Ab 1958 wurden die bäuerlichen Haushalte in Kollektive zusammengefasst. Dies führte dazu, dass der einzelne Bauer keinen direkten persönlichen Vorteil daraus zog, wenn er seine Produktivität erhöhte. In der Folge sank die landwirtschaftliche Produktion. Ähnliches kennt man von den Bodenreformen der DDR. Wenn man Wirtschaftswachstum für sinnvoll und notwendig hält, sind Feudalismus und freie Marktwirtschaft geeignete Systeme. Die Erde oder ein Stück Land ist dann Kapital, das dem Zwang unterliegt, sich zu verzinsen. Subsistente oder die Schrumpfung der Wirtschaft scheint dagegen mit gerechter Verteilung einherzugehen. Land wäre dann eine Lebensgrundlage, mehr nicht.

Warum aber ein solcher historischer Hinweis auf einem Schuhregal? Ist das noch aktuell? 土 ist die Erde, der Planet und das Material. 革 bedeutet etwas Neues anfangen, Leder, oder steht kurz für Revolution. Verknüpft man die beiden Zeichen miteinander, so werden daraus die Schuhe 鞋. Schuhe und die Erdrevolution oder Landreform. Gibt es nicht ein wahrscheinlich buddhistisches Sprichwort, das besagt, dass man nicht die ganze Erde mit Leder bedecken muss, wenn man bequem auf ihr gehen will? Dürfen strenge Buddhisten denn Lederschuhe tragen? Oder Tiere für sich arbeiten lassen, Pferdestärken einsetzen, um Arbeit zu leisten? Mit Fahrzeugen herumfahren, die Pflanzen verbrennen, Pflanzen essen, Sonnenenergie verschwenden? Oder muss man töten, um zu leben? Ist das ein Prinzip der Revolution? Ist Revolution die ständige Erneuerung des Systems, die eigene Häutung oder die Besohlung der Schuhe? Und wohin führen solche Fragen, wenn man sie nicht nur Buddhisten stellt?

Was das Regal / die Regel dazu sagt, oder worüber es / sie streitet, ist die Frage, ob es eine himmlische (natürliche) oder keine Möglichkeit gibt, alles was die Erde (und die Sonne) hervorbringt, gerecht zu verteilen.

An wen?

Wer verteilt?

Und was ist gerecht?

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foto_01Xiaoshanzi2013 alias Piet Trantel – 15. August 2013

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Uncertainty Principle – 确定性原理 Unschärferelation

Richtig gut aufgelöste Abbildungen von Michael Heizer’s Circular Surface Planar Displacement Drawing aus dem Jahre 1970 habe ich im Internet nicht gefunden. Die Spuren, die er damals mit einem Rennmotorrad in den Jean Dry Lake in der Wüste Nevadas zeichnete, sind natürlich längst verwischt, aber sie könnten heutigen Künstlern, die mit anderen Medien arbeiten, noch als Grundlage zu einem Entwurf für ein Gartenkunstwerk oder einen Wandteppich oder ein Weltkarte dienen. Vielleicht spiele ich aber nur selbst mit solchen Gedanken, seit ich die Zeichnung kenne.

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Michael Heizer’s Circular Surface Planar Displacement Drawing, 1970

Kreise sind weder abstrakt, noch real, weder mimetisch, noch konkret, sondern einfach Formen, ja Dinge. Das Rennmotorrad fährt in der Wüste. Wohin? Links, rechts oder geradeaus? Im Kreis zu fahren, beinhaltet alle Richtungen zugleich. Die sphärische Oberfläche der Erde wird von den Reifen angekratzt, sie graben sich in den Sand hinein, sie zeichnen oder schreiben in die Trockenheit der Wüste. Schrift, Graffiti, Relief, Street Art, Land Art, Nature Art, Performance, Fotografie, was hat hier stattgefunden? Was ist geblieben? Der Fahrer, das Rennmotorrad, der Motor, die Reifen dienten als Arbeits-, Zeichen- oder Schreibgerät. Die kreisförmigen Reifenspuren rücken von Mal zu Mal an einen anderen Ort, sie werden leicht verschoben, sind deplaziert. Die Kreise haben kein Ziel, sie führen auf sich selbst zurück. Und stehen in Beziehung zueinander.

Mich hat an dieser ephemeren Darstellung von Kreisen in der Fläche immer deren Verhältnismäßigkeit fasziniert:

1. der große Kreis liegt neben einem kleinen, et vice versa

2. der große Kreis wird von einem kleinen von aussen berührt, et vice versa

3. der große Kreis wird von einem kleinen von innen berührt, et vice versa

4. der große Kreis wird von einem kleinen geschnitten, et vice versa

(und die beiden folgenden Beziehungen fehlten mir in dieser Reihe)

5. der große Kreis umfasst einen kleinen (vielleicht ist der jedoch so klein, dass er nicht mehr sichtbar ist)

6. der große Kreis wird von einem noch größeren umfasst (vielleicht ist der jedoch so groß, dass er nur nicht sichtbar ist)

Heizer’s Drawing war für mich ein Modell, das Beziehungen von Kreisen sichtbar macht. Seine Flächigkeit und Einfachheit lassen es überschaubar und leichter verständlich wirken.

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Tostergloper Unschärferelation vor dem alten Schweinestall in Köhlingen, 2013

Für die Darstellung der Beziehungen, die die Ortsteile der Samtgemeinde Tosterglope zueinander haben, wollte ich Michael Heizer’s Drawing zugrunde legen. Als wir unseren Stand von Haus zu Haus während der Sommer Werkstätten in Köhlingen aufgebaut hatten, habe ich Andreas Wenk nach einem alten Bettbezug gefragt, der möglichst weiß sein und kein Muster haben sollte. In dem alten Haus seiner Eltern ist er schnell fündig geworden und hat ihn uns ohne Umschweife gestiftet. Sofort wurde der Bezug auf die Wäscheleine gehängt, Pinsel und Farben standen schon bereit. Auf der Skizze sollten die Ortsteile nicht nur in Lage und Größe im Verhältnis zueinander stehen, sondern darüber hinaus auch in Aktion miteinander treten, um zu zeigen, wie kompliziert das Geflecht der Beziehungen allein schon zwischen vier kleinen Dörfern sein kann. Für derartige Aktionen schien mir im Hinblick auf unser Projekt die gegenseitige Wahrnehmung der Ortsteile und ihrer Bewohner geeignet. Die Komposition von Heizer’s perfomativem Land Art Piece sollte ein Wahrnehmungsmodell von Tosterglope werden.

Der größte Kreis steht für die Samtgemeinde, die anderen repräsentieren die Ortsteile. Die geographische Lage aller Kreise ist aus kompositorischen Gründen verschoben (once again displaced).

Jeder Kreis in diesem Modell ist ein Wahrnehmungsorgan. Das Modell veranschaulicht den komplexen und ambivalenten Prozess der Wahrnehmung auf visuelle Weise. Das heißt jedoch nicht, dass die gegenseitige Wahrnehmung der Kreise auf optische Reize reduziert ist. Jeder Kreis könnte also der Einfachheit halber als Auge interpretiert werden. Der Fokus befindet sich innerhalb des Kreises, nicht aber notwendigerweise im Zentrum. Jeder Kreis sieht so vom Fokus aus durch den Kreisring hindurch andere Objekte und stellt diese dabei auf seinem Ring dar. Dabei hat er zunächst eine Grund- oder Ausgangsfarbe, die sich aus einer spontanen Befragung ergeben hat. Demnach ist die Samtgemeinde als Folge der Gemeindereform grau, Tosterglope wegen der Feuerwehr rot, Köhlingen mit seinen drei Höfen grün, Ventschau wegen des Badesees blau, und für das Gut Horndorf und die Siedlung blieb gelb, passend zu einer Geschichte bei der es um Maisanbau ging. Wenn nun ein Kreis in alle Richtungen schaut, sieht er andere Kreise oder Teile davon in anderen Farben. Sein Ring (Netzhaut) verfärbt sich dabei entsprechend der Grundfarben der gesehenen Objekte. Durch diesen Wahrnehmungsvorgang wird an all den Stellen im Kreisring, wo er etwas sieht, seine Grundfarbe geändert. Wenn nun wiederum ein anderer Kreis ihn wahrnimmt, sieht jener nicht mehr nur ein einfarbiges Objekt, sondern die eingetretenen Veränderungen auf dessen Netzhaut, einen bunten Kreisring, ein fremdes durch Färbung verändertes Wahrnehmungsorgan (Auge). In einem Abschnitt des wahrgenommenen Kreises sieht er unter Umständen sogar seine eigene Grundfarbe (sich selbst).

Die Wahrnehmungsvorgänge aller Kreise finden natürlich gleichzeitig statt, aber der Übersicht halber werden sie zeichnerisch nacheinander ausgeführt, so wie auch Heizer mit seiner Rennmaschine nacheinander mehrere Kreise gezogen hat, obwohl Verkehr insgesamt ja ein globaler Vorgang ist, an dem gleichzeitig unzählige andere Menschen beteiligt sind. So wird durch jeden Wahrnehmungsprozess das Modell immer komplexer, farbiger, feinteiliger und unschärfer. Die Wahrnehmer und das Wahrgenommene (die Wahrnehmung) scheinen hierbei den Gesetzen der Energieumwandlung zu folgen und dabei mit jedem Schritt den Grad der Entropie zu erhöhen, also nutzlose Energie (oder Wahrnehmung) frei zu setzen. Das Modell kann als Plan für den Prozess der gegenseitigen Wahrnehmung von Menschen oder kleiner communities, der ganzen Gesellschaft, des (Strassen- oder Daten-) Verkehrs oder des nicht nur menschlichen Lebens schlechthin gelesen werden. Und es gehorcht zudem der Heisenbergschen Unschärferelation, nach der Ort und Impuls eines Gegenstandes nicht gleichzeitig genau gemessen werden können. Die Ungenauigkeit im Tostergloper Modell besteht darin, dass Wahrnehmende, Wahrgenommenes und Wahrnehmung nicht kongruent sind. Was man sieht, wird allein schon durch das Sehen bereits anders.

Soweit das einfache Modell, das bereits komplexe Beziehungen veranschaulicht.

Nun stelle man sich vor, die Kreise oder Wahrnehmungsorgane seien Kugeln oder beliebig geformte dreidimensionale Körper, die sich ständig und unregelmäßig im Raum bewegen. Im Vergleich dazu wäre dann unsere Vorstellung von Sonne, Mond und Sternen und all ihren beobachtbaren Phänomenen noch eine recht leicht überschaubare Angelegenheit. Unsere Vorstellungskraft und Darstellungsmöglichkeiten würden schnell an ihre Grenzen angekommen. Wir würden das Modell ebenso wenig verstehen wie die Wirklichkeit.

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Tostergloper Unschärferelation als Projekt der ILennale 2013 – 2062

Und genau an diesem Punkt scheint mir die Samtgemeinde Tosterglope beim Dorffest am 27. Juli angekommen zu sein. Ich hoffe nun, dass niemand sich scheut, die gegenseitige Wahrnehmung fortzusetzen, auch auf die Gefahr hin, dass man andere oder das Ganze nicht versteht oder selbst nicht mehr verstanden wird.

 

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立竿见影 – stecken Stab sehen Schatten

Das ist der Spruch oder das Sprichwort, das mir meine Frau mit auf den Weg nach Tosterglope gegeben hat. Daran will ich mich jeden Tag halten, denn sie ist in jeder Hinsicht meine beste Lehrerin, auch wenn es manchmal eine harte Schule ist. Wenn man nicht mehr der jüngste ist, vergisst man alles, was man gerade gelernt hat, wieder sehr schnell. Und dann heisst es wiederholen, wieder von vorn anfangen, von neuem lernen, üben, üben und nochmal üben. Das ist manchmal auch für den Lehrer eine Strafe.

Was für eine Lehre wollte mir denn nun meine beste Lehrerin mit dem Sprichwort auf den Weg geben? 立竿见影 bedeutet auf gut deutsch: Wenn man nur erst einmal etwas anfängt, dann kann man sofort Ergebnisse sehen.

hutstab_233_kDas wollte sie dem Projekt von Haus zu Haus wünschen. Und es klingt doch sehr ermutigend, ein wenig anders als unser R&ST Slogan, dass man schon genug zu tun hat, wenn man etwas anfängt. Wenn man den Spruch beim Wort nimmt, dann ist es ein Bild, das man sich wie einen frisch gepflanzten Bambus vorstellen kann, der so schnell, wie er gewöhnlich wächst, auch schon einen kühlen Schatten wirft. Erinnert das nicht an die lauschigen Szenen der Impressionisten bei einem schattigen Frühstück im Park? Ich sehe in ihren Gemälden Stills aus den ersten Filmen, als diese Technik noch gar nicht entwickelt war, die Gesellschaft sich jedoch schon so weit spezialisiert hatte, dass es die ersten Konsumenten eines solchen medialen Entertainments gegeben hätte. Das Bedürfnis, unterhalten zu werden, also bereits vorhanden war, wenn auch nicht in breiten Massen.

立竿见影, das könnte auch heissen: Stecke einen Stab in die Erde, und du siehst einen Schatten. Eine einfache Handlung kann durchaus eine künstlerische Performance sein, auch wenn man selbst sein einziger Zuschauer ist. Und es ist zugleich ein Film. Denn Film ist nichts anderes als Schatten, auf einer transparenten Folie, auf einem Magnetband oder eben digital. Und so wird dieses moderne Wort im heutigen Chinesisch auch immer noch mit den alten Zeichen 电影 geschrieben, also elektrischer Schatten, wobei der Strom ein Wetterphänomen ist und über dem Schatten auch die noch Sonne ein wenig versteckt schwebt.

Jeden Tag, wenn ich den Stab in die Erde stecke, erinnert mich der Schatten daran, dass es etwas zu lernen gibt. Oder wie ein artist in residency Kollege es einmal formuliert hat, als wieder etwas schief gegangen war: live and learn. Dazu gehört natuerlich auch jemand, der sein Wissen und Können, seine Erfahrung und Ansichten weitergibt. Die Rollen sind dabei im Bildungssystem ziemlich eindeutig verteilt, wie so viele andere Aufgaben in der Gesellschaft auch. Als Lehrkraft an der Universität bilde ich Studenten (in meinem Fach aus). Die Studenten lernen fleissig und bezahlen dafür ihre Gebühren. Und weil so ein Studium sehr teuer ist, sorgt das System schon von Beginn an für eine entsprechende Selektion. Wer arm ist, soll auch arm bleiben, nichts lernen oder erst gar keine Kinder bekommen. Aber während ich lehre, lerne ich heimlich natürlich auch jede Menge, mit dem Unterschied zu meinen Studenten, dass ich dafür bezahlt werde. So eindeutig ist die Rollenverteilung nämlich oft nicht, wenn man hinter die Kulissen schaut.

Inzwischen bin ich mit dem Spruch meiner Lehrerin auf dem Stab in Ventschau, Köhlingen, Horndorf und Tosterglope angekommen. Tag für Tag wird irgendwo in der Samtgemeinde Schatten geworfen. Dieser Stab ist übrigens nicht irgendein Stab, sondern war einmal die Harpune, mit der mein Freund und ich als Kinder auf Bisamrattenjagd gegangen sind. Uns war zu Ohren gekommen, dass die Tiere in den Gräben der Marsch hausten. Die Leute im Dorf hielten sie für eine Plage, und es war sogar die Rede von einer Schwanzpraemie. In der Werkstatt hatten wir eine Harpunenspitze gefunden, die kurzerhand auf eine Bohnenstange gepflanzt wurde. Fertig war das Jagdgerät. Aus aa74kubistischestudie2_kBohnenstangen habe ich dann Jahre später meine ersten Keilrahmen gebastelt, darauf Jute aus Kartoffelsäcken genagelt und gemalt wie die Kubisten. Das war der Anfang meiner “nutzlosen” Malerei auf dem elterlichen Bauernhof. Aber so wie ich es heute sehe, könnte die erfolglose Jagd auf Bisamratten auch das erste gescheiterte Filmprojekt gewesen sein. Wenn nur irgendjemand die Schatten eingefangen hätte. Aber so ist es mit dem Schatten. Die Erde dreht sich unaufhörlich weiter, und die Sonne scheint sowieso.

Leider isgeweihe_551_kt diese alte Bohnenstange im Laufe der Jahre morsch geworden, von Holzwürmern angefressen, und beim x-ten Aufstellen abgebrochen. Das hat auch dem Schatten Abbruch getan. Ein neuer Stiel musste her. Gefragt, getan. Ich habe Jan-Christoph gefragt, ob er nicht irgendeinen Stock hätte, den man als Schattenwerfer verwenden könnte. Beim Rundgang über den Hof haben wir einen alten angeknacksten Forkenstiel gefunden, gerade gut genug für den täglichen Schatten, mit dem in Köhlingen Ergebnisse sichtbar machen könnte. Dabei hat mir Jan-Christoph von der Einstellung der “Demeter-Leute” berichtet, dass die Hörner der Kühe gewissermaßen ihre Antennen zum Kosmos seien. Sehr interessant. Ich hatte die Hörner, die den meisten Kühen heutzutage schon als Kalb abhanden kommen, immer für den Ausdruck ihrer Gedanken gehalten. Angeblich soll das Futter sogar Einfluss darauf haben, ob sie nach unten oder oben wachsen. In meinen Augen gingen den Stieren der Camargue oder den Hirschen im Wald immer ganz andere Dinge durch den Kopf als den Milch- oder Mutterkühen in der Elbtalaue. Wer weiss noch, ob die gute Yvonne, die vor zwei Jahren ausgebüxt war und sich im Wald versteckt hielt, eigentlich Hörner hatte?

Aber jeder andere im Dorf hat auch seine Lebensgeschichten. Und man kommt darüber leicht ins Gespräch und kann dabei soviel lernen. Das ist in der Stadt vielleicht nicht anders, aber meistens verbunden mit einer kommerziellen Handlung.

Lütjens z.B. weisen auf die Schaukel an einem Ast der Eiche hin, die ja selbst noch viel mehr aus ihrem über 800-jährigen Leben erzählen könnte, wenn sie sprechen würde. Oder wenn wir ihre Sprache verstehen würden. Daran gemessen, ist der Dreissigjährige Krieg, in dem sieben andere Höfe in Köhlingen abbrannten, jüngste Vergangenheit.

Volker Weber ist der Experte, wenn es um die Dorfchronik geht. Er kennt alles und jeden im Dorf besser als seine eigene Familie. Und seine plattdütschen Geschichten nehmen kein Ende, wenn er erst einmal mit einer anfängt und seine Zuhörer damit einfängt.

Nicole weiss, wie man mit störrischen Eseln umgeht. Das ist eine der wichtigsten Lektionen auf dem Dorf, die mir gleich zu Beginn erteilt wurde. Ich weiss jetzt auch, wie man einen Esel an der Leine führt, ohne einen Tritt vors Schienbein zu riskieren.

buecher_198_kDavid zeigt uns, dass der alte Badeteich in Ventschau noch längst nicht ausgedient hat. Man kann darin baden oder sich mit einem Freund im Schlauchboot darauf treiben lassen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.

Der liebe Gott vermisst im Dorf genauso wie einige seiner Bewohner die Kirche. Brigitte hat sich des Problems auf ihre Weise angenommen und die Bushaltestelle zu einem Treffpunkt umgestaltet. Dort gibt es jetzt ein Regal mit “Büchern auf Reisen” und einen Schirm, wenn es mal in Ventschau-Mitte regnet.

Andreas hält es für das geringste technische Problem, auch die Wurzeln der gefällten Pappeln heraus zu fräsen. Dann wäre es viel bequemer, das Gras hinter dem Schweinestall für die Gemeinde zu mähen. Wir hingegen könnten uns auch einen Baumstumpf als Träger für einen Unterstand der zukünftigen Haltestelle vorstellen. Hier fährt bestimmt hin und wieder ein Trecker, ein Auto oder ein Fahrrad vorbei. Das könnte doch die Aufgabe des öffentlichen Verkehrs anstelle des fehlenden Busses übernehmen.

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Andre hat uns gezeigt, wie man ins Schwitzen kommt, wenn man auf dem Dachboden ein Schlagzeug aufbaut. Seit 40 Jahren hat er nicht mehr gespielt, aber offensichtlich noch nichts vergessen. Der 3/4-Takt sitzt. Von Peter, eins zwo, eins zwo, habe ich gelernt, dass eine ordentliche Band eine Fr(onts)au braucht. Das ist jemand, der vorne steht und ins Mikrophon kreischt, am besten eine Frau.

Michael hat inzwischen schon etliche Male mit dem Finger auf dem Messtischblatt den Wald- und Wiesenweg erwandert, auf dem man von Ventschau über Tosterglope nach Horndorf laufen kann. Höchste Zeit für einen Forschungsspaziergang. Alle sind herzlich eingeladen.

Wenn ich nach alldem meinen ersten Eindruck vom Leben und Lernen in Tosterglope auf eine kurze Formel bringen sollte, würde ich jetzt sagen: “Das ganze Dorf ist die Schule.” Jeder wirftt seinen Schatten, ist Lehrer und Schüler zugleich. Hier gelten die Regeln der spezialisierten Gesellschaft nur bedingt. Jeder kann alles ein bisschen, und manches sehr gut. Wie Künstler. Am besten ist es eben, wenn man so viel wie möglich selbst macht. Denn kaufen kann jeder. Das wäre das geringste Problem. Und ein solches Leben weitaus bequemer in der Stadt.

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foto_01Xiaoshanzi2013 alias Piet Trantel – 23. Juni 2013

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Geschichte von unten

Die Kunst unterliegt einem Zwang zur Innovation, Originalität, Aktualität, Moderne. Wenn sie geschichtliche Themen kommentiert, kritisiert, sich dafür engagiert, dann ist es meist jüngste Geschichte, das Tagesgeschehen.

Auch wir können und wollen die Tagespolitik und das alltägliche Geschehen mit unseren Projekten nicht umgehen, aber Geschichte begreifen wir in einem weit umfangreicheren Zusammenhang. ‘9/11’ ist im Jahre 2001 auch ein Thema für die Kunst geworden. Die neue Definition für Terrorismus, die sich daraus ergebenden kriegerischen Einsätze, die Interessen, die dahinter stecken. Die jüngste Finanzkrise hatte ihren Einfluss. Die umfangreichen Baumaßnahmen in China, das Abhalten der Olympischen Spiele und der Expo als wirtschaftliche Signale. Neuerdings der Arabische Frühling, Proteste in Griechenland, der Türkei, Brasilien, … Bürger in der Stadt, die aus politischen oder wirtschaftlichen Motiven auf die Strasse gehen … das alles ist natürlich auch nur in einer spezialisierten Gesellschaft möglich, in der der Revoluzzer sich nicht darum kümmern muss, wie er sein tägliches Brot bekommt.

Adorno und Horkheimer haben nach dem WW2 das industrielle Ausmaß der Vernichtung und Zerstörung erkannt und ihre Erkenntnisse und Schlüsse daraus gezogen. Ich frage mich, ob hermetische oder engagierte Kunst (Handeln) wirkungsvoller ist.

Die industrielle Revolution ist in jedem Fall ein Meilenstein in der Geschichte der menschlichen Zivilisation. Der Anstieg der Bevölkerung und ihrer Verstädterung ist damit exponentiell gewachsen.

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Aber schauen wir doch mal zurück. Was braucht der Mensch (menschliches oder anderes Leben) auf diesem Planeten? Luft, Wasser und Erde …

Unsere Beziehung zur Erde hat sich im Zeitraffer vielleicht so entwickelt: Jäger und Sammler, Nomaden, Ackerbau und Viehzucht, Handel und Industrie, die digitale Revolution, welche Gesellschaftsform kommt danach?

 Die Nutzung oder Ausbeutung des Lebensraumes, des Landes, der Pflanzen und Tiere, der Menschen hat verschiedene Stadien durchlaufen: feudal, kolonial, industriell, kapitalistisch …

Die weltweite Urbanisation ist heute weltweit auf unterschiedlichen Ständen: 50% in China, 80% in Deutschland … und die Tendenz hält an. Materielle und funktionale Urbanisation. Der Lifestyle. In dem Sinne ist das Verhältnis zwischen Stadt und Land heute noch immer feudal oder kolonial (China fehlen diese 300 Jahre).

Wie soll man ein Berliner Unternehmen verstehen, das in Brandenburg einen Flughafen oder Mais zur Energiegewinnung oder schlicht Profit (an-)baut?

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Das Land (ein Dorf) ist auf dem heutigen Stand der Entwicklung kein Lebensraum mehr, sondern eine Raumordnung, in die man investieren kann.

An dieser Stelle setzt nun unser Projekt in Tosterglope an. In einem ländlichen Landkreis in Niedersachsen, wo so viele Kühe gehalten werden, dass man Futter importieren muss, die Milchprodukte exportiert, und nicht weiss, wohin mit der Gülle. Das ist nur ein Beispiel.

Wie hieß doch gleich die Kuh, die sich vor einem oder zwei Jahren im Wald versteckt hat? Wie viel Fläche braucht sie? Wie viel Milch gibt sie? 2 ha pro Person in Deutschland. Wie würde man sie nutzen? 4 ha pro Person weltweit. Wie nutzt die Menschheit sie? Die Weltbevölkerung hat die Marke von 7 Milliarden überschritten. Biomasse auf dem Planeten. Die Gaia-Theorie.

Deutschland überlegt, Asylanten mit Qualifikation ins Land zu lassen. Welche Qualifikation braucht die heutige spezialisierte Gesellschaft (in Deutschland oder China)?

Welche Rolle spielt das Bildungssystem dabei?

Welche Rolle übernimmt die Universität in einer ländlichen Region?

Wir wollten in Tosterglope ganz von vorne anfangen. Die Menschen in der Gemeinde erzählen uns ihre eigenen Geschichten. Diese wiederum muss man in dem großen geschichtlichen – entwicklungsgeschichtlichen – Zusammenhang der Zivilisation verstehen. Aber viel wichtiger für uns: mit welcher Praxis kann man hier ganz direkt etwas machen, das wir im Leben brauchen …