Tour der sozialistischen Dorferneuerung in Daling, Songshan Zhen

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von Da Shabi aka Xiao Shaozi

Tour der sozialistischen Dorferneuerung in Daling, Songshan Zhen

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(Da Shabi 大煞笔  ist wörtlich das große Bremsen des Stiftes oder Pinsels und meint im übertragenen Sinne das Schlusswort, das letzte Kapitel, das in dem Buch von Haus zu Haus zwar noch nicht geschrieben ist, bei dem aber das Künstlerkollektiv den Stift gehalten hat und nun beiseite legt. In einer anderen Schreibweise mit gleicher Aussprache ist 大傻逼 der große Dumme, über den in der VR alle Entscheidungen hinweg mit noch weniger Mitbestimmung ergehen als über den Rest des Volkes, und der in der BRD bei allem gesellschaftlichen Engagement dasjenige für die eigene Hermetik völlig vernachlässigt hat. Das aka Xiao Shaozi 小勺子 ist der kleine große Löffel, mit dem man sich den Brei, den es auszulöffeln gilt, selbst eingebrockt hat.)

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Daling ist ein Dorf, das knappe 10 km südlich der Stadtgrenze von Jinzhou liegt. Auf der Provinzstrasse 209 fährt man daran vorbei und erreicht die Autobahnauffahrt der G1, die den äussersten Norden der Volksrepublik mit der Urlaubsinsel Hainan Dao im Süden verbindet. Das Dorf streckt sich an der stark befahrenen Staatsstrasse 102 entlang, liegt 250 km südwestlich der Provinzhauptstadt Shenyang und 500 km nordöstlich der Hauptstadt Beijing. Wer hier noch mit dem Fahrrad fährt, hinkt seiner Zeit hinterher. Der Autoverkehr hat in den letzten Jahren so zugenommen, dass Stau kein westliches Fremdwort mehr in den Nachrichten ist. Wer sich auf zwei Rädern bewegt, hat mindestens einen Elektromotor. Wozu sonst sollte die Regierung geplant haben, in den nächsten 5 bis 10 Jahren weitere 30 Kernkraftwerke mit sicherer deutscher Technologie aus dem Boden zu stampfen? Damit den Menschen in der Stadt Strom verkauft werden kann. Und auf dem Land soll die Landwirtschaft modernisiert und das Dorf erneuert werden.

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Auf einer Tour mit meinem alten und rückständigen Fahrrad der Marke Shanghai will ich mir anschauen, was denn hier ausser meinem Vehikel der Erneuerung und Modernisierung bedarf. Der erste Punkt, der auf der Agenda steht, ist nicht schwer zu erraten. Die Straße 102 soll neu ashaltiert werden. Mit stellenweiser Reparatur der Löcher, die jeder frostige Winter hier in die Straßen frisst, ist es nicht mehr getan. Für den Autoverkehr ist die Baustelle ein zusätzliches Hindernis. Für mich hat sie den Vorteil, dass ich das Rad hin und wieder schieben muss und mir in Ruhe die Plakate durchlesen kann, die die Regierung überall so zahlreich hat aufhängen lassen, dass sie keiner mehr beachtet. Ohnehin interessiert sich niemand für die politischen Botschaften darauf, oder besser gesagt hat keine Zeit dafür, weil genau die Geld bedeutet. Den Zielen der Politik zu folgen, ist auch keine Frage der Aufmerksamkeit und des politischen Gehorsams mehr, sondern eine notwendige Folge wirtschaftlicher Zwänge.
In Deutschland wiegt sich der Bürger immer noch in dem Gefühl, dass die Politik seinen Wünschen und ökologischem Bewusstsein mit der nach Fukushima beschlossenen Energiewende folgt, auch wenn der eine oder andere inzwischen durch die Energiepreise vor Schreck erwacht ist. Aber selbst nach dem Erwachen traut sich nun offenbar niemand, dem selbst gewollten oder gewählten Öko(-logie oder -nomie?) terror Paroli zu bieten. Wovon die Politik die Menschen in Daling überzeugen will, lautet auf den Plakaten etwa so:

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Die Chance ergreifen, den Geist erwecken und die Erneuerung des Dorfes vorantreiben.
Verbesserung der Umwelt bedeutet Befreiung und Entwicklung der Produktionskraft.

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… des Handels, Erneuerung der Methoden zur Investition von Kapital.
Das Dorf und die Umgebung verschönern, das Glück mit der Familie teilen.
(Und vor dem Plakat steht einer der vielen neu gebauten Abfallcontainer.)

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Auf der ländlichen Basis der Partei (…) ein harmonisches und glückliches neues Dorf politisch korrekt erschaffen. Die ganze Partei betreibt, das ganze Volk teilt die gemeinsame sozialistische Dorferneuerung.

Schöne Worte, aber keine konkreten Handlungsanweisungen, das ist typisch für Regierungen. In kapitalistischen Demokratien müssen sich die Parteien in Opposition oder Regierung vorsichtig ausdrücken, damit sie (wieder) gewählt werden. Hier gibt es de facto nur eine Partei, und die kann sagen, was sie will. Mit der neuen Regierung achtet sie nun nebenbei auch auf politische und ökologische Korrektheit, wobei aber vor allem das wirtschaftliche Wachstum steigen soll. Aus dem Volk sagt keiner etwas dazu oder dagegen. Das heisst nicht, dass alle befolgen, was die Partei sagt. Jeder folgt seinem eigenen Lebensweg, wo er nicht durch Gesetze daran gehindert wird.
Ich biege in eine Seitenstraße ab, auf der zwei junge Studenten damit beschäftigt sind, die Wände zu bemalen. Ich frage mich, wer ihnen im Dorf diesen Auftrag erteilt hat, aber sie können es mir nicht sagen. Sie wurden von der Kunstfakultät der Bohai Universität als Freiwiliige, die sich in den Ferien ein bisschen Geld verdienen wollen, abkommandiert. Da muss es also Beziehungen zwischen dem Bildungssystem und der Regierung geben. Soviel ist klar, aber mehr bekomme ich auch nicht heraus, ausser das die Entwürfe angeblich von den Studenten selbst stammen:

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Links sieht man den wohlgenährten Bauern, der mit seinem neuen Traktor reiche Ernte eingefahren hat, und rechts ist mein Lieblingsbild, weil es der Propaganda der Plakate in nichts nachsteht. Ein Mitglied der jungen Kommunisten hält das Banner der “harmonischen Gesellschaft” (dem Slogan der letzen Regierung, der mittlerweile vom “chinesischen Traum” abgelöst wurde) hoch, während besonders das junge Pärchen irgendwie ein bisschen dammelig aus der Wäsche blickt, als hätten sie noch immer nicht verstanden, was der Slogan von ihnen will. Dass das Land ihnen erlauben wird, zwei Kinder zu gebären, ist auf dieser Tour noch nicht Gesetz. Das Wort “dammelig” ist vermutlich ostpreussischen Ursprungs und heisst soviel wie dümmlich. Kein Wunder, dass mir im Nordosten des Reiches der Mitte Wörter einfallen, die aus dem einstigen Nordosten des deutschen Reiches stammen. Ich frage Dorfbewohner, was sie von der Wandmalerei in ihrem Dorf halten. Sie sagen: “Wieso? Ist doch schön, oder?”

 

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