Kunst ist öffentlich

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Anlässlich einer Podiumsdiskussion zu „Kunst im öffentlichen Raum“ in den Räumen des Kunstvereins Lüneburg am 23. Juni 2013 entstand dieser Text.

Johannes Kimstedt, Leiter des KUNSTVEREIN Lüneburg und KUNSTRAUM TOSTERGLOPE, sprach mit Brigitte Raabe, Michael Stephan und Piet Trantel, (KÜNSTLERKOLLEKTIV R&ST)

K u n s t   i s t   ö f f e n t l i c h !

Die schöne Stadt Lüneburg ist im Bereich der bildenden Künste nicht gerade reich ausgestattet, sei es im musealen Kontext oder in der Galerien- und Künstlerszene. Immerhin 2 Kunstvereine versuchen die Kunst-Fahne hoch zu halten und kämpfen auf hohem Niveau um die Wahrnehmung der Positionen zeitgenössischer Kunst und ihrer Herkünfte. Die Lüneburger Leuphana Universität ist bekannt für ihren Studiengang Kulturwissenschaften. Kunstvermittlung und Kulturvermittlung sind hier wesentliche Themen.

In Lüneburg regt sich regelmäßiger aber zaghafter Bürgerprotest über oder gegen (Kunst)Werke im öffentlichen Raum. Das ist gewiss nicht anders als in anderen Städten. Dabei geht es um die Position von Reiterstatuen, die aus zweifelhaften historischen Anlässen aufgestellt wurden genauso wie um die Einrichtung von Brunnenanlagen an prominenter Stelle im Stadtraum. (Brunnen am Sande, Das Pferd des Gauleiters, die Skulptur im Hof des Glockenhauses)

Unser Podiumsgespräch soll den öffentlichen Diskurs gerade auch in Lüneburg anregen und seine Angemessenheit deutlich machen.

Trantel: Auf einem Friedhof wird der Grabstein entfernt, wenn nach 30 Jahren der Pachtvertrag nicht verlängert wird. Schade drum, vielleicht, aber der Raum ist begrenzt. Und wer zahlt, der bestimmt …

Welche Aufgabe, welchen Zweck – wenn überhaupt – soll ein (Kunst)Werk im öffentlichen Raum erfüllen? Und ist dieser immer politisch zu nennen? Seien es Stolpersteine, Gedenkbüsten oder Brunnen, die von Künstler/innen entworfen wurden oder Künstler/innen-Performances oder sogenannte Interventionen im öffentlichen Raum.

Trantel: Hermetik oder Engagement, das war nach Adorno und Horkheimer die Frage, die sich ein Kuenstler nach dem industriellen Ausmaß der Vernichtung im WW2 zu stellen hatte. Wenn Wirtschaft die Fortsetzung des Krieges mit friedlichen Mitteln ist, ja welchen Zweck hat menschliches Handeln dann ueberhaupt? Ist es die Aufgabe der Kunst, daran etwas zu ändern? Oder will das Volk nicht lieber Brot und Spiele?

Raabe/Stephan: Wer bin ich? Wo bin ich? Was machen wir hier eigentlich? Wenn wir so fragen geht es nicht primär um eine Verschönerung der Stadt (Lüneburg) sondern darum etwas in der Stadt zu ermöglichen, das nicht da ist. Ein erster Schritt dafür ist es, Fragen an einem öffentlichen Ort zu stellen, Fragen, die Handlungs- und Spielräume eröffnen. Kunst hat dabei die Aufgabe das Mögliche, das Potential einer Situation zu thematisieren und erlebbar zu machen zum Beispiel schon einmal mit etwas Unmöglichem mit etwas Undenkbarem anzufangen. Kunst bildet so einen Gegenpol zu dem, was vorhanden ist, sie muss überraschen, stutzig machen, zum Dialog auffordern, Wünsche, Ideen und Vorstellungen, Visionen anregen und sichtbar machen.

Ein Kunstwerk im öffentlichen Raum wäre daher durchaus veränderbar, es könnte wieder verschwinden ohne an Bedeutung zu verlieren, es wäre temporär und würde Zeiträume für Entwicklungen ermöglichen, es würde nicht regeln und begrenzen sondern im Gegenteil öffnen, anknüpfen und ausweiten. Es würde Lebensräume lebendig machen.

Trantel und Raabe/Stephan: Nolli (1748) trennt auf seinem Stadtplan von Rom noch sauber zwischen öffentlichem und privatem Raum, Robert Smithson forderte als Künstler gesellschaftliches Engagement als land reclamation ein. Wir haben ein Grundrecht auf Versammlung unter freiem Himmel!

Doch um eine Nutzung, eine Erforschung der darauf basierend Möglichkeiten  von öffentlichem Raumes geht es bei Gestaltungsfragen in der Öffentlichkeit nicht, so gut wie nie. Diesen Raum gibt es gar nicht. Was unser Denken und Handeln bewegt ist immer die Kommerzialisierung des Raumes. Der entscheidende Maßstab eines Raumes ist sein Marktwert, alle anderen Werte oder Potentiale sind dieser Funktion untergeordnet. Kulturelle und soziale Werte werden stets von ihrer ökonomischen Funktion aus bewertet und entscheiden über das persönliche und gesellschaftliche Engagement in diesem Raum. Es gibt im Prinzip nur noch kommerziellen Raum. Der Mangel an öffentlichem Raum wurde eine Zeit lang ersetzt durch die illusorische Hoffnung auf die Wirksamkeit basisdemokratischer Möglichkeiten im Internet. Es ist seit Anfang der Diskussionen um die Rolle von Kunst im öffentlichen Raum eigentlich klar, dass es illusorisch ist, von der Existenz jener Öffentlichkeit auszugehen, die Kunst überhaupt benötigte. Wenn man von Öffentlichkeit spricht sollte man vor allem anderen an Handlungsperspektiven und Alternativen denken, an die Vielfalt von Lebensformen und die bewegende Überraschungskraft anderen Ideen und Vorstellungen, die durch den fortschreitenden Prozess der  Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes verloren gegangen sind. Wenn jetzt die Nischen, die noch geblieben sind, eng werden, ist die Reaktion der Kunst, innerhalb ihres eigenen Bereiches zu selektieren, völlig falsch. Angegriffen werden müssen ganz andere Dinge, nämlich die, die den Raum im Interesse von Profit und Kommerz besetzen und dadurch menschliches Potential begrenzen und Handlungsspielraum beschneiden. Will man Kunst und Öffentlichkeit nach diesem Maßstab bewerten, dann muss man nur danach fragen, welches Interesse sie verfolgen. Falsch hingegen ist es auch, nur formal-ästhetische Argumente anzubringen, denn diese dienen meist auch nur der eigenen Werte- und Machterhaltung, nicht aber dem Respekt und der Öffnung eines lebendigen Zusammenspiels vielfältiger Lebensansichten und Lebensformen.

Wer soll über Auswahl, Ankauf und Aufstellung oder Durchführung eines solchen Werkes entscheiden? Welche Rolle sollen „Fachleute“ dabei spielen? Und wer sind diese überhaupt für diesen Bereich? Sollte es nicht vor allem temporäre Installationen geben? Und ist eine Kommission vorstellbar, die nach einer gewissen Zeit (Kunst)Werke aus dem öffentlichen Raum wieder entfernt um beispielsweise „zeitgemäße“ Positionen zu setzen. Ist dies aus Ihrer Sicht zulässig?

Trantel: Wäre es nicht interessant, diese Fragen am Beispiel eines Friedhofes statt an der Kunst zu diskutieren?

Raabe/Stephan: Kunst im öffentlichen Raum entwickelt sich mit den bisherigen Verfahren und Formen nicht weiter! Ankauf geht von monetär messbaren Werten aus auf die es eigentlich nicht ankommt. Ankauf verhindert wirkliche Teilhabe und persönliches Engagement und mindert dadurch wesentliche Wirksamkeitspotentiale. Fachleute sind diejenigen, die bereit sind, sich mit etwas auseinander zu setzen! Die Zauberworte wären temporär und prozessual, in Kommunikation mit allen Beteiligten, langfristig mit und für die Menschen und Situationen, Wertungssysteme verändern.

Wo setzt die Kunstdiskussion ein, wo die Fragen zu Stadtplanung und Architektur, und wo/wann wird die Demokratielinie erreicht, wenn es beispielsweise um die Frage von Öffentlichkeit und den Einsatz von Steuergeldern geht?

Trantel: Ja, muss nicht die Diskussion besonders in der kapitalistischen freien Marktwirtschaft am Einsatz privater Gelder ansetzen? Sehen wir uns doch mal um in der Stadt. Sie ist vollgestopft mit Architektur, Maschinen, Fabriken, ist das alles Privatsache? Oder gilt, wer Geld bezahlt, hat Recht und Macht?

Raabe/Stephan: … und bestimmt wie die Welt aussieht. Was bereits vor über vierzig Jahren als Erweiterung des Kunstbegriffs bezeichnet wurde muss weiter gedacht werden. Es geht nicht um Begriffe, sondern darum, dass Beteiligte sich von ihren Rollen lösen und öffnen. Das wäre  in unserem Sinn eine Wirkungsausweitung. Auch der Begriff des „in situ-Arbeitens“ muss neu gedacht und erprobt werden. Nicht so viel regulieren und definieren: tolerieren, respektieren, fördern, unterstützen, nicht werten und beurteilen, sondern Vielfalt ermöglichen, kommunizieren und zusammen arbeiten.

Entzündet sich nicht an der eher harmlosen Geschmacks- oder Verständnisfrage eine viel aufregendere Frage nach politischer Teilhabe der Bürgerschaft?

Trantel: Ist beim Bürger denn Interesse, Zeit und Lust, dafür überhaupt vorhanden? Wir leben in einer spezialisierten Gesellschaft. Da ist der einzelne schon nicht mehr in der Lage, sein Essen selbst zu besorgen, seine Scheiße zu entsorgen. Wie soll er da eine politische Meinung vertreten, geschweige denn mitentscheiden? Wenn dann bitte schön mit Haut und Haaren, Basisdemokratie, Volksentscheid. Auch wenn das bedeutet, Europa zu zerschlagen, in kleinen überschaubaren communities zu leben und sich selbst zu versorgen. Oder wie Bernard de Mandeville sagte: „Wollt ihr die Goldnen Zeiten wieder? Da aß man Eicheln und war bieder.” Wer will das schon? Aber ist politische Teilhabe mit einem Grundeinkommen und durch das Internet möglich? Werden uns die Piraten zeigen, wie es geht?

Raabe/Stephan: Kunst ist Praxis. Auf der Ebene der Diskussion kommt man nicht weiter. Kunst ist Wirklichkeitstraining, Handeln, Anfangen, Machen, Ausprobieren ohne zu Wissen wohin das letztendlich führt. Teilhabe wäre zu wenig.

Gastgeber dieser Podiumsdiskussion ist eine Kooperative zweier Kunstvereine in Stadt und Land – welchen Stellenwert hat das (Kunst)Werk im ländlichen öffentlichen Raum?Kennen Sie aus Ihrer Sicht gelungene Beispiele?

Raabe/Stephan: Ja!

Trantel: In NY: Time Scape (Alan Sonfist), aber leider wurden die Penner vertrieben, die es sich dort gemütlich gemacht hatten.

Bei Overton (Nevada): Double Negative (Mike Heizer), weil die Schneise, die hier geschlagen wurde, sich überall in der Natur und von Menschen gemachter Infrastruktur wiederfindet.

In Thailand: The LandFoundation (Rirkrit Tiravanija)

In HH: niemandes land (selbst), weil es die Beziehung zwischen Mensch und Erde radikal in Frage stellt.

Man denkt besonders im öffentlichen Raum immer an etwas bleibendes Materielles, wie Häuser in der Stadt oder Steine auf einem Friedhof. Dabei ist ja das Leben vorher die ganze Zeit ein viel stärkerer Eingriff in den öffentlichen Raum.

Raabe/Stephan: Daher sind für uns die Zeiten der künstlerischen Interventionen und Eingriffe vorbei …

Eine direkte persönliche Frage: Welches (Kunst)Werk würden Sie sich und der Öffentlichkeit für den öffentlichen Raum (in Stadt oder Land Lüneburg) wünschen?

Trantel: Lüneburg ist so kleinkariert, vielleicht kann man das sichtbar machen. Oder wird das schon am von Daniel Libeskind geplanten Neubau der Uni deutlich? Ich würde einer Kleinstadt wie LG mehr Mut wünschen, sich im Abseits des internationalen Mainstreams zu blamieren.

Raabe/Stephan: Nicht ein Werk, sondern einen Prozess würden wir empfehlen, als Experten. … und deshalb würden wir die Liste mit unseren gemeinsam mit Piet Trantel entwickelten Projekten ergänzen:

Pflanzenpflegestation”, „Restkunst“ und „von Haus zu Haus“. Wir wünschen, dass in derartige Prozesse weitere Menschen einsteigen, diese erweitern und andernorts fortsetzen. Dafür haben wir einen Zeitraum von 49 Jahren gesetzt: eine ILennale.

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