Das Schuhregal

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foto_01Xiaoshanzi2013 alias Piet Trantel – 19. August 2013

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Das Schuhregal – ein Ideen-Möbelstück

Der wichtigste Grund dafür, dass das Schuhregal überhaupt entstanden ist, war wohl meine Lust, etwas mit den Händen zu bauen, mal andere Werkzeuge einzusetzen als die Tastatur des Computers. Nebensächlich war, ob es wirklich gebraucht wurde, oder wie es aussehen würde. Es musste nicht schön, hässlich oder sublim werden, aber auch wieder nicht so schlicht bleiben, dass es der Regel “form follows function” folgte. Seine ästhetische Erscheinung war also völlig ®egal, es sollte nur an den vorgesehenen Platz passen.

Ich wollte kein neues Material kaufen und so wenig Werkzeug wie möglich benutzen. Es gab einen Stapel alter Bretter und Latten im Garten, verstaubt und teilweise morsch, alte rostige Nägel, eine stumpfe, eingerostete Säge und einen abgebrochenen Hammer. Das war genug.

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Es war gefühlt der heisseste Tag, feucht und heiss, mittags, und ich schwitzte wie in der Sauna, aber das Abmessen, Sägen und Hämmern hat deshalb umso mehr Spaß gemacht. Dementsprechend schnell war das Regal auch fertig. Aber, Moment. Noch nicht ganz.

Es sollte ja im Treppenhaus stehen, dort wo man die Schuhe wechselte. Das diente der Sauberkeit im Haus. Also musste der alte Schmutz und Staub vom Regal abgebürstet und gewaschen werden. Am nächsten Tag war es trocken, konnte aufgestellt werden. Aber jetzt kam noch der letzte Schliff, denn es war ja ein Ideen-Möbelstück. Was fehlte, war also die Idee, die ich ins Holz gravieren wollte.

Manche Ideen kommen zuerst, und dann muss man sie nur noch ausführen. Dabei wird man leicht zu seinem eigenen Sklaven. Andere Ideen kommen beim Machen oder auch erst danach. Bei mir ist es ein permanentes Wechselspiel zwischen Denken und Handeln.

Die Idee am Anfang war einfach ein Ort für das Wechseln der Schuhe. Daraus wurde dann das Schuhregal (鞋架), also die Schuhe und das Regal, wobei das zweite chinesische Zeichen auch Streit (es setzt sich zusammen aus Kraft, Mund und Holz) heissen kann. Gibt es nicht auch einen Zusammenhang zwischen Regal und Regel? Und oft Streit um die Regeln? Das wäre eine Idee, die man so aufs Regal schreiben könnte.

Oder wie wäre es mit einer Signatur, z.B. Piet Trantel fecit? Das wäre nicht das letzte, was einem Künstler einfiele, auch wenn er es an den Schluss setzte. Aber was schert mich die Kunst? Stattdessen fragte ich mich, ob ich es 制作 oder 创造 nennen sollte. Der erste Begriff wurde früher immer verwendet für “Made” in China. Damit jedoch wurden genau wie mit dem ehemaligen “Made in Germany” Produkte für den Export abgestempelt. Die wachsende Wirtschaft und ihre Propaganda haben inzwischen für ein neues Nationalbewußtsein gesorgt und den alten Slogan zu “Created” in China umgemünzt. Der Künstler 吴山专 hat daraus eine Arbeit entwickelt, die das Statement “Konsum ist kreativ” postuliert. Sich für die zweite Variante zu entscheiden, hieße, dass die Wiederverwendung von Abfall auch Kunst sein kann. Aber dann war mir die Aussage zu sehr ein Plädoyer für Recycling und irgendwie zu kreativ. Ich wollte es einfach “gemacht” nennen. Am Ende habe ich aber auch den Gedanken wieder fallen lassen.

Was oder welche Idee ausser des Streites um die Schuhe war denn nun “gemacht” oder in Form eines Möbelstückes sichtbar geworden?

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无从土革 – das waren die vier Zeichen, die ich ins Holz schneiden wollte. Ich habe meine Frau 苗田晔 gebeten, sie mit einem Bleistift vorzuzeichnen, weil sie eine so entschiedene Schrift hat. Bei ihr sah das 无 (nicht) ein bißchen so aus wie 天 (Himmel). Schöner Zufall, dachte ich. 无从 hieße, dass es keine Möglichkeit gäbe, etwas zu tun (oder denken). Vielleicht weil es an Material oder Werkzeug fehlt. Oder sagen wir, an Startkapital. 天从 müsste demnach heissen, dass der Himmel, also die Natur, für alles Nötige sorgt, damit man etwas tun und leben kann.

Und 土革 (土地革命) bezeichnet die 1946 begonnene Landreform in China. Die Kommunistische Partei sicherte sich damit die Unterstützung der armen Bauern. Land und sonstiger Besitz von Grundherren wurde enteignet und unter den Bauern verteilt. Damit wurden die früheren Dorf-Eliten beseitigt, die sich sonst der Partei entgegen gestellt hätten. Ab 1958 wurden die bäuerlichen Haushalte in Kollektive zusammengefasst. Dies führte dazu, dass der einzelne Bauer keinen direkten persönlichen Vorteil daraus zog, wenn er seine Produktivität erhöhte. In der Folge sank die landwirtschaftliche Produktion. Ähnliches kennt man von den Bodenreformen der DDR. Wenn man Wirtschaftswachstum für sinnvoll und notwendig hält, sind Feudalismus und freie Marktwirtschaft geeignete Systeme. Die Erde oder ein Stück Land ist dann Kapital, das dem Zwang unterliegt, sich zu verzinsen. Subsistente oder die Schrumpfung der Wirtschaft scheint dagegen mit gerechter Verteilung einherzugehen. Land wäre dann eine Lebensgrundlage, mehr nicht.

Warum aber ein solcher historischer Hinweis auf einem Schuhregal? Ist das noch aktuell? 土 ist die Erde, der Planet und das Material. 革 bedeutet etwas Neues anfangen, Leder, oder steht kurz für Revolution. Verknüpft man die beiden Zeichen miteinander, so werden daraus die Schuhe 鞋. Schuhe und die Erdrevolution oder Landreform. Gibt es nicht ein wahrscheinlich buddhistisches Sprichwort, das besagt, dass man nicht die ganze Erde mit Leder bedecken muss, wenn man bequem auf ihr gehen will? Dürfen strenge Buddhisten denn Lederschuhe tragen? Oder Tiere für sich arbeiten lassen, Pferdestärken einsetzen, um Arbeit zu leisten? Mit Fahrzeugen herumfahren, die Pflanzen verbrennen, Pflanzen essen, Sonnenenergie verschwenden? Oder muss man töten, um zu leben? Ist das ein Prinzip der Revolution? Ist Revolution die ständige Erneuerung des Systems, die eigene Häutung oder die Besohlung der Schuhe? Und wohin führen solche Fragen, wenn man sie nicht nur Buddhisten stellt?

Was das Regal / die Regel dazu sagt, oder worüber es / sie streitet, ist die Frage, ob es eine himmlische (natürliche) oder keine Möglichkeit gibt, alles was die Erde (und die Sonne) hervorbringt, gerecht zu verteilen.

An wen?

Wer verteilt?

Und was ist gerecht?

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