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Kolumne: Blick über den Gartenzaun

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foto_01xiaoshanzi2013 alias Piet Trantel – 1. April 2013

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Auf welche Gedanken man kommt, wenn man mit dem Auto aus einer Millionenstadt im Nordosten Chinas fährt, um Eier einzukaufen. 

Gewinne werden ja, wie allgemein bekannt sein dürfte, betriebswirtschaftlich abgerechnet, Verluste hingegen volkswirtschaftlich. Für die guten Zeiten benötigt die freie Marktwirtschaft den globalen Handel, die Verbraucher und ihr Geld, für die schlechten Zeiten einen Staat, seine Bürger und deren Steuern. Deutschland bereut seine umfassende Privatisierung, während die sozialistische Marktwirtschaft chinesischer Prägung an ihrem immer noch sehr starken Staat festzuhalten sucht. Sein Schwächeln macht sich jedoch durch den wirtschaftlichen Wachstumszwang im globalen Wettbewerb immer mehr bemerkbar. So wurde mit der neuen Regierung auch das für die Bahn zuständige Ministerium abgeschafft und kurzerhand privatisiert. Die Tickets werden dann in Zukunft wohl teurer. Die Leute werden sich überlegen, ob sie sich nicht ein Auto anschaffen sollten. Und das ist ja ganz im Sinne der Automobilindustrie.

Von der letzten Finanzkrise, oder besser gesagt vom Beginn der Finanzkrise, die vom amerikanischen Immobilienmarkt und dem Bankwesen ausging und die dann auch die Autoindustrie erfasst hat, schien China einigermassen verschont geblieben zu sein. Das Wachstum war weiterhin zweistellig, in Beijing wurden 2008 glorreich die Olympischen Spiele gefeiert, zwei Jahre später in Shanghai die Expo abgehalten.

Genau in dieser Zeit haben wir uns einen Minibus der Marke Changhe gekauft, der von der Regierung gefördert wurde, um offiziell die Bevölkerung in den ländlichen Gebieten mobil zu machen, während der wahrscheinlichere Grund in der Unterstützung der Automobilbranche lag. Das war nur der Anfang einer langfristig angelegten Reihe von 5-Jahres-Guidelines, wie man sie neuerdings nennt, um nicht in den Verdacht zu geraten, Planwirtschaft zu betreiben. Wesentlicher Teil des Planes jedenfalls ist, den Anteil der urbanen Bevölkerung sukzessiv von jetzt knapp über 50% bis auf den westlichen Standard von mindestens 75% und mehr aufzustocken. Damit einher geht gezwungenermassen die Industrialisierung der Landwirtschaft. Der Minibus war nur ein Anfang, der im rechten Moment als Lockvogel Bauern ködern und der Industrie zum Frass vorgeworfen werden sollte. Die Bevölkerung auf dem Lande wird in den nächsten Jahren erfahren, was funktionale Urbanisierung wirklich heisst. Und diejenigen unter ihnen, denen es glückt, vom Land in die Stadt zu fliehen und dort einen Job zu finden, werden diese Entwicklung begrüssen.

Einen solchen Minibus zu fahren, gilt bei den Städtern als uncool, verät es doch auf Anhieb die ländliche Herkunft, wenig Bildung und Kultur und vor allem wenig Geld. Das Prinzip des “Gesichtes” geht soweit, dass sich sogar die eigene Verwandtschaft weigert, in ein solches Auto einzusteigen. Die Anschaffung eines deutschen Autos hingegen ist im Rennen um das persönliche Prestige an der Spitze. Es muss allerdings mindestens ein Audi sein, auf keinen Fall jedoch VW, und wenn es geht, Porsche oder Mercedes, oder ein BMW für die sportlichen unter den Städter. Die deutsche Autoindustrie hat sich längst mit ihrer Produktion im Reich der Mitte eingenistet und schreibt wieder schwarze Zahlen. Vergessen scheint die Finanzkrise, die staatliche Unterstützung und die Entlassungen der Arbeiter. Die Gehälter der Manager sind so hoch wie nie.

Während sich der Städter in China in der rush hour durch Stau und Smog quält, lobt der deutsche seine öffentlichen Verkehrsmittel oder eines seiner durchschnittlichen zwei Fahrräder. Er freut sich über jedes neu aufgestellte Windrad, wenn es nicht vor der eigenen Tür steht, hofft auf die Mission und den Export ökologischer Technik und stöhnt über die seit der Energiewende gestiegenen Strompreise im eigenen Land. Er tut alles, um den Klimawandel abzuwenden, und schimpft über das rücksichtslose Wachstum Brasiliens, Chinas oder Indiens. Die Kernkraftwerke daheim werden abgeschaltet, in den Nachbarländern laufen sie dafür auf vollen Touren, und in Brasilien wird sogar in Kernkraft investiert. Das Abendland beherrscht eben die Doppelmoral.

Wenn mir jetzt noch ein politisch korrekter deutscher Städter sagt, dass das Leben in der Stadt ökonomischer und ökologischer ist als das Leben auf dem Land, dann weiss er nichts von Energiesklaven und wie die Güter massenproduziert werden, die er so günstig einkauft. Oder er will es nicht wissen. Man kann sich in der Stadt mit noch so sparsamem Verhalten das Gewissen beruhigen, trotzdem ist das gesamte Energie-, Produktions- und Transportwesen notwendig, um die Maschine Stadt am Laufen zu halten. Und jeder Städter trägt seinen Teil dazu bei, ob er will oder nicht. Aber machen wir uns nichts vor, diese Mechanismen haben in westlichen entwickelten Ländern längst aufs Land übergegriffen. Im Prinzip gibt es doch nur noch städtischen Lifestyle.

Während ein Deutscher im Dorf auf das Auto angewiesen ist, um im nächsten Supermarkt seine Einkäufe zu tätigen, leistet es sich der Chinese aus der Stadt, am Wochenende aufs Land zu fahren, um sich zu erholen und Gemüse ohne Pestizide, Fleisch ohne Hormone, Eier von frei laufenden Hühnern zu kaufen. Das erinnert mich an meine liebe deutsche Verwandtschaft in den späten 60er Jahren. Da sind sie am Sonntag mit ihrem schnittigen weissen und sauber geputzten Opel Kadett aus Bremen gekommen und haben die frische Milch gelobt und sich vor dem Stallgeruch geekelt. Meine Eltern haben wie an jedem anderen Tag der Woche die Kühe gemolken und den Stall ausgemistet. Und ich musste frische Sonntagskleidung tragen und habe mich für den eigenen Stallgeruch geschämt.

Fast 50 Jahre später fahre ich nun als chinesischer Städter und stolzer Besitzer eines Changhe Minibus ins Dorf, um Eier einzukaufen, und schaue mir an, was die frei herumlaufenden Hühner im Dorf so vom Boden aufpicken. Ist das etwa Popcorn? Mais würde mich ja nicht wundern. Denn in dieser Gegend wird eigentlich nichts anderes angebaut. Futter, Lebensmittel, Öl, Schnaps, Fleisch und Eier werden aus dem Mais hergestellt. Deutschland baut den Mais an, um Biodiesel, Gas und Energie, oder sagen wir doch gleich Geld wird daraus zu machen. Futtermittel hingegen müssen importiert werden. Das scheint sich aber zu lohnen. Der Bauer ist ein wohl kalkulierender Geschäftsmann geworden. Moment mal, ist das nicht Styropor, an dem die Hühner picken? Ich wusste gar nicht, dass der auch nahrhaft ist. Oder die Hühner haben herausgefunden, dass er gut für die Verdauung ist. Vielleicht hält er sie im Winter auch warm. Styroporplatten werden derzeit an allen neuen Gebäuden, die schneller als die Pilze aus dem Boden wachsen, zur Waermedämmung angebracht. Alte Häuser, wenn sie noch nicht abrissreif sind, werden nachgerüstet. Und der Wind bläst dicke Brocken und kleine weisse Kügelchen überall hin.

Die Chinesen sorgen sich darum, wie sie sich eine solche warme Wohnung in der Stadt leisten können, während sich der Deutsche Sorgen um die Brandgefahr macht, die Einsparung anzweifelt, aber doch das Klima retten möchte. Was schert das die Hühner?

Die Eier sind übrigens hier im Dorf um 50% teurer als auf dem Markt in der Stadt. Wir überlegen es uns noch einmal.

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foto_01xiaoshanzi2013 alias Piet Trantel – 24.März 2013

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Das Dorf Erlangdong befindet sich am nordwestlichen Stadtrand. Es dauert nur 10 min. mit dem Fahrrad in die Stadt.

Die meisten fahren aber lieber mit dem Elektro-Bike zur Arbeit, weil es bequemer ist. Die Grundstücks- und Wohnungspreise sind durch die Nähe kaum geringer als in der Stadt.

dorf_32_kgrau_01dorf_65_kblack_smallrot_02dorf_39_kEs gibt relativ viele Kioske (Abb. 1 + 2), wo man alles außer Grundnahrungsmitteln kaufen kann.

Gemüse und Fleisch wird in der Stadt gekauft oder im Frühjahr selbst angebaut. Wer größere Flächen (ab 1/2 ha) hat, baut Mais an.

Ausserdem gibt es Obstbäume. Am Kiosk bietet ein Ofenbauer seinen Service an (Abb. 3).

dorf_43_kEin alleinstehender älterer Dorfbewohner ist Mönch in der Stadt geworden und möchte sein kleines Haus seit Jahren verkaufen (Abb. 4).

Es besteht aus zwei kleinen Räumen, die sehr verfallen sind. Die wirtschaftliche Entwicklung fängt die Preissenkung durch den Verfall mehr als auf. Warten lohnt sich für ihn also immer noch.

Ein älteres Ehepaar bietet ein ca. 6400 qm grosses dorf_30_kGrundstück mit Häuschen und eigenem Brunnen an      (Abb. 5).

Der Verkaufspreis entspricht dem Kaufpreis einer Wohnung in der Stadt, die der Sohn braucht, wenn er heiratet.

Sie würden gern so schnell wie möglich verkaufen.

Während die jüngere Landbevölkerung in die Stadt zieht, kaufen reiche Städter ein Haus auf dem Land oder bauen   dorf_55_kneu (Abb. 6).

So wird die Stadt bevölkert und das Land funktional urbanisiert.