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Kolumne: Blick über den Gartenzaun

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Xiaoshanzi2013 alias Piet Trantel – 28. Mai 2013

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Himmel und Erde

Heutzutage als Europäer in der Tradition der aristotelischen Peripatetiker durch die Säulenhallen eines athenischen Lyceums zu wandeln, würde Griechenland wahrscheinlich schmeicheln. Wer will das schon? Manchmal würde ein kleiner Spaziergang an der frischen Luft meinen Studenten allerdings wirklich gut tun und unsere Gespäche ein wenig auflockern. Wenn ich manchmal irgendwohin oder auch nur ziellos umher gehe, geniesse ich, dass die Gedanken sich mit den Füssen in Bewegung setzen. Da geschieht etwas, das nicht möglich ist in der akademischen Lehre, nicht beim Autofahren, im Bus oder Zug und nicht im Flugzeug. Nicht einmal auf dem Fahrrad oder zu Hause. Es könnte sein, dass ausser der sich langsam verschiebenden Wahrnehmung, wenn man so in Bewegung ist, auch der direkte Kontakt zur Erde eine Rolle spielt. Oder dass man nichts über seinem Kopf hat als den Himmel. Bewegung zu Fuss scheint die Wahrnehmung in andere Bahnen zu lenken, Himmel und Erde das Denken zu beflügeln.

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Über seine Verdauung hat ja jeder Mensch einen indirekten Kontakt zu Himmel und Erde. Denn alles, was gegessen wird und durch den Körper wandert, kommt aus der Erde und wächst in den Himmel. Deswegen ist der kurze Fussweg des Städters zum Einkaufen von Gemüse und Obst auf dem Markt in doppelter Hinsicht eine gute Gelegenheit, sich ein paar Gedanken durch den Kopf gehen zu lassen.

Mein Weg zum Frühmarkt führt durch eine Siedlung, die in den 80er Jahren gebaut wurde, also nach der Reform der Öffnung oder der 改革开放. Es hiess damals nicht mehr Befreiung (解放) des Volkes und des Denkens oder Revolution (革命) der Kultur, sondern wirtschaftliche Umorientierung und damit Annäherung an den westlichen Kapitalismus bei gleichzeitigem Festhalten an der sozialistischen Staatsform war die Herausforderung der Zeit.

Der Raum zwischen den Gebäuden der Siedlung wurde von den Stadtplanern so gestaltet, dass die Bürger sich dort in ihrer Freizeit erholen, die Kinder spielen konnten, aber niemand selbst in die Gestaltung eingreifen sollte. In Wirklichkeit werden die Zwischenräume auf dem Platz von den Anwohnern aber für den Anbau von Gemüse genutzt. Damit können sie ein bisschen Geld sparen und haben die Gewissheit, dass das Gemüse nicht so stark mit Pflanzenschutzmitteln behandelt ist wie das auf dem Markt. Es sind die älteren Bürger, die hierin eine sinnvolle Beschäftigung sehen. Sie haben Bewegung unter freiem Himmel und berühren den Erdboden. Auch am Strassenrand wird jeder Quadratmeter und die Brüstung für das Anpflanzen von Bohnen und Kürbissen oder Gurken genutzt.

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Die Kinder spielen hier schon längst nicht mehr. Überhaupt sollen sie ja vor allem lernen. Fürs Leben, oder den Ernst des Lebens. Das fängt schon im Kindergarten an. Erst wenn sie einen erfolgreichen Beruf haben und viel Geld verdienen, damit ihre Eltern im Alter abgesichert sind und sie die Ausbildung der eigenen Kinder bezahlen können, ist die Aufgabe ihrer Eltern erfüllt. Da bleibt den Eltern und Kindern keine Zeit zum Spielen, spazieren gehen und Gemüse anbauen. Die Generation der Menschen in der Stadt, die noch einen ländlichen Hintergrund haben, der sich auch in ihrer Lebensweise zeigt, ist sowieso schon so gut wie ausgestorben.

Die Stadt bemüht sich heute um ein modernes Image. Deshalb veranstaltet sie die Expo 2013 (世界园林博览会). Die Bürger der Stadt waren sogar eingeladen, sie zwei Wochen vor der Eröffnung gratis zu besuchen, weil man testen wollte, ob alles reibungslos läuft. Jetzt können die hiesigen Rentner noch ohne Ticket und Studenten zum halben Preis die Expo anschauen. Sie sind dann nichts anderes als die Statisten für das Theater des Stadtmarketing. Letztlich ist die ganze Veranstaltung eine Werbung fuer Urbanisation, die laut der letzten 5-Jahres-Guidelines massiv vorangetrieben werden soll. Und sie ist ein Projekt der Erziehung der jungen Generation zu ordentlichen, sprich zivilisierten (文明) Städtern. Gemeint ist damit, bewusst und gewollt, ohne dass es jemand aussprechen müsste, Bildung als Basis für Konsum von Luxusgütern.

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Die Expo soll Beispiele dafuer präsentieren, wie die Landschaft oder die Umwelt nach den Wünschen und Bedürfnissen der Menschen gestaltet oder umfassend verbessert (für heilen und herrschen oder regieren wird dasselbe Wort benutzt) werden kann. Ich muss zugeben, mich hat bisher noch nichts dazu verlocken können, unbedingt sehen zu wollen, wie Stadtplaner und Landschaftsarchitekten die Welt der Expo oder zumindest das Gelände der Ausstellung mit Steuern verschlingenden Massnahmen verschönert haben. Während die Städtereklame ein besseres Leben in einer sauberen Umwelt suggeriert, weisen die Bürger selbst mit handgeschriebenen Tafeln auf die Eröffnung der Expo hin. Sie steht unter dem Motto: Die Stadt und das Meer – eine harmonische Zukunft. Dafür wurden Tonnen von Erde bewegt worden, Strassen und Dämme gebaut, nutzlose Architektur entworfen, der Küstenverlauf neu angelegt, und wie immer wurde in letzter Minute alles mit Pflanzen hübsch dekoriert. Dabei ist Wasser schon längst ein Thema in den Städten. Es gibt kaum noch Gegenden, wo man das Leitungswasser trinken kann. Es wird in 20l Kanistern zu etwa 10 RMB bestellt und ins Haus geliefert. Eine günstigere Variante sind Trinkwasser-Automaten auf der Strasse, deren Qualität aber nur die wenigsten trauen.

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Die Tage der Siedlung sind gezählt. Häuser aus den 80er Jahren gelten als alt und sind angeblich oder wirklich nicht mehr zu renovieren. Entscheidend ist, dass man auf der gleichen Flaeche viel mehr Wohnraum schaffen kann. Da wird dann gleich das ganze Viertel abgerissen und neu gebaut. Auf einem Pfeiler des Strassengeländers winkt auch schon die Werbung einer Umzugsfirma 笑笑搬家 (lächelnd umziehen). Und ich vermute, bei vielen, besonders den jüngeren, ist die Modernisierung der Stadt so willkommen wie der Strassenbau und die Neubauten nach der Wende bei vielen Buergern der Ex-DDR. Die alten faulen Zähne werden kurzerhand gezogen und ein komplettes neues Gebiss eingesetzt. Der Patient traut sich wieder zu lachen, und der Zahnarzt freut sich.

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China ist der letzten Wirtschaftskrise und der millionenfachen Arbeitslosigkeit mit einem gigantischen Wohnungsbauprogramm begegnet. Die neuen Hochhäuser sind bereits überall in der Stadt im Bau und sie sollen so aussehen wie auf den Plakaten. Hier werden nicht nur Quadratmeter verkauft, sondern ein städtischer Lebensstil angepriesen. Der Freiraum um die Gebäude wird von den Bauherren gestaltet und der Stadt gepflegt. Die neuen Generationen chinesischer Bürger, die in diese Wohnungen einziehen oder sie nur als Geldanlage kaufen, werden nicht mehr das Bedürfnis verspüren, selbst im Garten Gemüse anzubauen. Alles was man zum Leben braucht, wird es im Supermarkt geben. Die oberen Zehntausend können sich ja ein kleines Gärtchen auf dem Land kaufen. Solche privaten Transaktionen hat die Regierung bisher gesetzlich nicht unterstützt. Aber wenn die Medien nun Werbung dafür machen und dass man doch im Vorgarten Blumen ziehen kann, dann ist die Gesellschaft dort angekommen, wo die deutschen Städter ihre Wochenenden im Kleingarten verbracht haben.

Deng Xiaoping (邓小平) hat mit der Reform der Öffnung 1979 zunächst einigen Chinesen Reichtum versprochen. Aber das würde den Wohlstand für alle anderen mit sich ziehen, hiess es. 1982 wurde von ihm der Begriff des Sozialismus chinesischer Prägung eingeführt. Was das genau bedeuten sollte, daran wird noch heute herum interpretiert. Es war auf jeden Fall ein Spagat zwischen dem damaligen Ost- und Westblock, zwischen Kommunismus und Kapitalismus, zwischen Plan- und Marktwirtschaft. Es hiess 中国特色社会主义. Die Gesellschaft wird mit den beiden Zeichen 社会 erfasst. Offensichtlich sind hier die Erde (土) und der Himmel in Form einer Wolke (云), auf der der Mensch schwebt (人), die Bedeutungsträger, ganz wie auf meinem unperipatetischen Spaziergang zum Markt. Das besondere der sozialistischen Gesellschaft chinesischer Prägung wurde mit den Worten 特色 erfasst. 色heisst dabei etwa Färbung, und 特 ist das Besondere an der Farbe. Auch darin kommt wieder die Erde vor. Kein Wunder, denn China galt zu der Zeit noch als Arbeiter und Bauernstaat. Die Erde (土) wurde im Land von Ochsen (牛) vermessen (寸) oder eben bearbeitet. Die geplante Urbanisation der Bevölkerung von derzeit 50% auf den westlichen Standard erfordert die komplette Industrialiserung der Agrarwirtschaft. Da reicht es nicht mehr, wenn Ochsen die Pflüge ziehen. 特色 wird dann in den Wörterbüchern der Zukunft nicht mehr mit 牛 als Radikal zu finden sein, sondern mit Traktoren und Mähdreschern, mit Fahrzeugen aller Art (车).

Das Fahrzeug wäre eine Möglichkeit, das Zeichen für den besonderen Sozialismus zu modernisieren. Aber bleiben wir mal beim Ochsen, der Erde und dem Messen. Mit der Fünf-Elemente-Lehre könnte man andere Tiere und andere Elemente in das Zeichen für “besonders” einfügen. Die fünf Tiere wären nach der Lehre Hund, Schaf, Ochse, Hahn und Schwein (狗羊牛鸡猪). Wenn man sie als Radikal in einem Zeichen verwendet, sehen sie so aus: 犬羊牛鸟豕. Kombiniert man sie nun mit den fünf Elementen Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser (木火土金水), entstehen ausser dem altbekannten 特色 vier neue Zeichen:

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Ebenso wie den “typisch chinesischen” Sozialismus könnte man nun die vier neuen Zeichen als Gesellschaftsformen lesen, wie sie sich in der Geschichte menschlicher Zivilisation entwickelt haetten. Das erste Zeichen wäre eine Gesellschaft der Hunde oder gezähmer Wölfe, die den Wald vermessen, die Gesellschaft der Jäger und Sammler. Die zweite eine der Schafe und Ziegen, die im Feuer geopfert werden, eine nomadische Gesellschaft, die einen religiösen Kult pflegt. Dann käme die Gesellschaft, die die Erde mit Ochsen pflügt, Ackerbauer und Viehzüchter oder der chinesische Arbeiter- und Bauernstaat, ein sesshaftes gewordenes Volk. In der darauf folgenden Gesellschaftsform wuerden Vögel Metall messen, oder vielleicht Flugzeuge das Geld zählen. Klingt das nicht nach der industriellen oder digitalen Gesellschaft, in der die Menschheit jetzt lebt? Aber was käme danach? Erwartet uns in der Zukunft eine Gesellschaftsform, in der Schweine das Wasser messen?

Ich weiss nicht, wie diese Gesellschaft aussehen wird, aber alles deutet auf die elementaren ökologischen Probleme hin, die der Mensch verursacht hat. Nach der oben genannten Lehre könnte man den Gesellschaftsformen die Gefühle Zorn, Freude, Verlangen, Trauer und Furcht zuordnen, Demnach befindet sich ein grosser Teil Chinas noch im Stadium des Verlangens. In Europa ist schon Trauer angesagt. Steuert die Menschheit auf eine Zukunft zu, in der sie das Fürchten lernen muss? Es sieht so aus, als läge die beste Zeit hinter uns, als hätten wir sie durch ständige Weiterentwicklung, durch unseren Fortschritt ausgelöscht. Nun, vielleicht gibt es ja doch keinen Zeitpfeil, keinen Fortschritt und keine Entropie, sondern es ist alles ein Kreislauf und wiederholt sich. Dann können wir uns nach der Furcht vor schutzigem Wasser und dem Zorn beim Jagen und Sammeln wieder auf eine zukünftige nomadische Gesellschaft freuen. Ich bezweifle jedoch, dass die derzeitige Migration aus wirtschaftlichen Gründen, der weltweite Tourismus oder das moderne Stadtnomadentum und die neue Landflucht diese glückliche Zukunft voraussagen. Alle haben ein Dach ueber dem Kopf und keinen Boden mehr unter den Füssen. Und ich bezweifle noch mehr, dass meiner unwissenschaftlichen Privattheorie auch nur ein Student folgen würde. Und wenn ich die Säulenhallen hundertmal auf- und abmarschiere. Studenten wollen Prüfungen bestehen und ihre Diplome in die Tasche stecken. Niemand braucht Bewegung, keine geistige und keine körperliche. Andere Prediger wussten schon, dass man den Leuten erst was zu beissen anbieten muss, damit sie überhaupt zuhören.

Ich bin inzwischen auf dem Markt angekommen. Dort gibt es einige Stände, an denen man frühstuecken kann. Da genehmige ich mir einen fettigen 油条 (wörtlich Ölstengel, in meist altem Öl gegarter Hefeteig) und dazu scharfes 豆腐脑 (Tofu-Brei, wörtlich Gehirn, mit pikanten Gewürzen). Das dürfte dem Gedankenfluss bis abends den Garaus machen.

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Xiaoshanzi2013 alias Piet Trantel – 28. April 2013

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城市健身器材 – Stadtgesundheitsgeräte

Es gibt unterschiedliche Merkmale, an denen man den Grad menschlicher Zivilisation messen kann. An erster Stelle ist wohl der wirtschaftliche Reichtum zu nennen, den man aus dem Weltraum auch an der Helligkeit der nächtlichen Beleuchtung in den Städten erkennt. Die zunehmende Abhängigkeit der Kultur vom Wohlstand und ihre Industrialisierung gehören ebenso dazu. Aber auch die sogenannten Zivilisationskrankheiten sind untrügliche Zeichen. Und deshalb gibt es in der Stadt Fitnessgeräte.

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Fitness, das klingt schon nach Studio und Lifestyle, nicht mehr so altmodisch wie der Trimmpfad im Wald. Auf chinesisch dienen die Geräte immer noch der Ertüchtigung eines gesunden Körpers. Da fehlt dann nur der gesunde Geist, um den Menschen komplett zu machen. Fitness in der Stadt, das ist kein Wunder. Dafür muss man etwas tun, weil man ja kaum Gelegenheit hat, sich zu bewegen. Aber Sport im Dorf, das stimmt doch irgendwie nicht. Moment mal, ich erinnere mich da an meine Eltern. Die waren froh, wenn sie sich von der Arbeit beim Mittagsschlaf ausruhen konnten und abends müde ins Bett fielen. Während ich nach Hausaufgaben und Helfen auf dem Hof jede Gelegenheit genutzt habe, um Fussball zu spielen. Schon auf dem Schulhof der Volksschule gab es ein Klettergerüst, Schwebebalken, Schaukel und Reckstangen in bunten Farben. Nach dem langen Stillsitzen im Unterricht war der Bewegungsdrang in der grossen Pause nicht mehr zu bremsen. Heute könnte man sich fragen, was der DFB mit seinem Freizeitsport und die Schule mit ihrer Bildung zum Wirtschaftswunder beigetragen haben?

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Jahrzehnte später zeitigt sich dieses Wirtschaftswunder in China. Und man erkennt es wieder an farbenfrohen Fitnessgeräten, die angestachelt durch die olympischen Spiele in Beijing wahrscheinlich einen Aufschwung in allen Städten erlebt haben. Ich habe mir einmal davon eine ganze Reihe, die entlang des Flusses aufgestellt wurden, angesehen. Als erstes fällt mir auf, dass sich auf dem langen schmalen Streifen öffentlichen Parks am Fluss mehrere Generationen dieser Geräte versammeln, deren Alter man am Grad ihrer Abnutzung oder Beschädigung erkennt. Schlechte Qualität ist ein Grund, absichtliches Beschädigen oder teilweiser Abbau des Materials, um es zu verkaufen, ein anderer, und zuletzt das Benutzen der Geräte.

Es ist Mittag, also Essenszeit, deshalb sind kaum Leute anzutreffen. Ich fotografiere einige Dutzend Geräte, bis mir auffällt, dass man bei fast allen FitnessübungenKränen den Kontakt zum Boden verliert. Aber das scheint wohl die Kunst im Sport und Turnen oder eben bei diesen Übungen zu sein, dass man dabei die Anziehungskraft der Erde überwindet. Das geschieht auch mit Hilfe von Kränen beim Bau neuer Hochhäuser auf der anderen Seite des Flusses. Wenn man sich eine Wohnung leisten kann und darin wohnt, dann schwebt man ruhelos in luftiger Höhe in einem solchen Betonloch genauso wie beim Schwung und Stütz am Barren. Bei einem anderen Gerät stellt man sich auf hin- und her schwingende Pedalen und imitiert Laufbewegungen. Ich kann mir nicht helfen, aber die Trittflächen erinnern mich an Gas- und Bremspedal in einem Auto. Vielleicht gehe ich beim Anblick dieser Stadtmöbel mit meinen Assoziationen zur Bau- und zur Automobilindustrie ein bisschen weit. Aber mir fällt es schwer, den Themenkreis auf Sport und Gesundheit zu beschränken und dabei nicht die Interessen von Wirtschaft und Politik zu sehen.

Als Künstler würde ich sogar noch weiter gehen und einen Zusammenhang zu zwei Aktionen herstellen, die geschichtlich in der Zeit um die Ölkrise der 70er Jahre realisiert wurden.

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Auf dem linken Bild sieht man den Citroen, den Ulay bei der Performance „Relation in Movement” 1977 anlässlich der Biennale de Paris 16 Stunden lang auf einem quadratischen Platz im Kreis fuhr, bis der Tank leer war, während Marina Abramovic die 2226 Runden mit einem Megaphon zählte. Auf dem rechten Foto von Gianfranco Gorgoni erkennt man die kreisförmigen Spuren, die Michael Heizer mit einem Rennmotorrad in den Wüstensand gezeichnet hat. „Circular surface planar displacement drawing” entstand 1970 in Nevada.
In beiden Aktionen manifestiert sich das Ergebnis der Sublimierung ureigenster Triebe oder Motive, also der Beweggründe als künstlerische Aussage in Form einer Zeichnung. Und beides Mal ist es die Verbrennung von fossilen Brennstoffen, also akkumulierter Sonnenenergie, in einem Motor, der die Bewegung erst möglich macht. Während Heizer das Motorrad mit billigem amerikanischen Benzin als Zeichengerät benutzte, warnten Abramovic und Ulay nach der Ölkrise vor der Vergeblichkeit der Auto-Mobilität und dem Versiegen der Ölquellen in naher Zukunft. So oder so lassen sich beide Arbeiten als Zeichen für die wirtschaftliche Entwicklung und Zivilisation lesen, in der diese entstanden sind.
Wenn man jede menschliche Handlung, jede zivilisatorische Errungenschaft und jeden kulturellen Ausdruck als Zeichen der Zeit deuten kann, dann liegt es vielleicht auch nahe, etwas in eines der Übungsgeräte hinein zu interpretieren, das ich erst auf meinem Rückweg entdeckt habe. Es handelt sich nicht um die beiden Reckstangen am Ufer, sondern eine Zeichnung auf dem nackten Erdboden, die jemand endlos im Kreis schlurfend hinterlassen hat. Genauer betrachtet sind es zwei konzentrische Kreise, die von einem Paar Schuhe in die Erde getreten wurden. Es ist wohl die Spur eines oder mehrerer Rentner, die regelmäßig etwas für ihre Gesundheit tun, indem sie im Kreis gehen. 健走 (jianzou) nennt sich das, also gesund gehen. Ich weiss nicht, wie weit es noch von der Mode des Nordic Walking entfernt ist und der Gerätehersteller, die sich die alten klassischen Ideale in den westlichen Köpfen zunutze machen. Kaum zu glauben, dass diese Ideale einmal in dem heute wirtschaftlich kränkelnden Griechenland zu Hause waren. Kraft durch Freude am Fahrzeug für das ganze Volk, das ist noch nicht so lange her. Nun haben das Ideal und die Industrie den weiten Weg bis hierher gefunden.

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Ich sehe darin natürlich auch künstlerische Praxis. So hätte z.B. das „Shuffling Piece” der Fluxus-Künstlerin Alison Knowles aus dem Jahr 1960 auch aussehen können. Oder es ist schlicht ein Zeichen von Kultur im ursprünglichen Sinn des Wortes, das sich von lateinisch colere für pflegen, urbar machen oder ausbilden ableitet.

Neben dem landwirtschaftlichen Bezug haben auch die Begriffe Kolonie und Kult denselben Ursprung. Die indogermanische Wurzel kuel- für (sich) drehen oder wenden legt eine Bedeutung im Sinne von emsig beschäftigt sein nahe. Und andererseits trifft der Kreis auch die Bedeutung von Kultur im chinesischen Verständnis, also von 文化 (wenhua), das wörtlich genommen das Werden eines Zeichens ist. Darüber hinaus versinnbildlicht sich hier die ambivalente Bedeutung eines anderen chinesischen Wortes, nämlich für Bild, also 画 (hua). Darin könnte man ein gerahmtes Feld sehen. Die traditionellen Schreibweisen 畵oder畫oder劃zeigen ein Werkzeug in der Hand, das dieses Feld bearbeitet und verbinden es so mit dem Wort划 (hua), das traditionell auf dieselbe Weise geschrieben wird.

Wenn es mit Rechnen oder der Berechnung verbunden wird计划 (jihua), kommt ein Plan dabei heraus, wie in Planwirtschaft und 5-Jahres-Plan. Nun hat sich die Volksrepublik bereits vor über 30 Jahren mit der Reform der Öffnung von der Planwirtschaft verabschiedet. Und der Plan für jeweils 5 Jahre wirtschaftliches Wachstum heisst inzwischen auch nur noch guideline. Aber was geht das den einzelnen Bürger in dieser Gesellschaft an? Er zieht seine kleinen Kreise und hält sich damit fit. Oder gesund?

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Xiaoshanzi2013 alias Piet Trantel – 13. April 2013

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Das was wirklich zählt, ist Familie – und ein Platz in der Gesellschaft.

Wie jedes Jahr ist das Qingming-Fest wieder ein Anlass für die sechs Geschwister, sich auf dem Friedhof zu treffen und das Grab ihrer Eltern aufzufrischen.

Wie verabredet, fährt der älteste Sohn mit seinem Kleintransporter auf den Parkplatz des grössten Friedhofes der Stadt, der nach dem Mützenberg benannt ist und im lokalen Radio damit wirbt, dass er 24 Stunden bewacht wird und andere Friedhöfe illegale Bestattungen durchführen.

Zwei Minuten später kommt der dritte Sohn in seinem neuen metallic-grauen Ford. Er bringt seine Frau und zwei der drei Schwestern mit.

Die älteste Schwester konnte nicht kommen. Sie findet immer Ausreden. Dieses Mal ist sie sehr beschäftigt, obwohl jeder weiss, dass sie jede Menge Zeit hat, seitdem sie pensioniert ist. Aber vielleicht sucht sie ja wirklich einen Nebenjob als Krankenschwester, denn um die Schwiegertochter und die Enkelin muss sie sich nicht mehr kümmern, nachdem ihr Sohn sich kurz nach der Geburt des Kindes hat scheiden lassen. Seine Ehe war ohnehin nur Fassade, die schneller als die der Neubauten abgebröckelt ist. Er sucht kurzfristige gleichgeschlechtliche Partnerschaften und spricht immer offener darüber.

Der zweitälteste Sohn, der dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten ist, putzt inzwischen schon den Grabstein. Er war zeitlebens beim Militär und ist seit ein paar Jahren auch pensioniert. Im fiel schon wegen seines Aussehens und weil er der Lieblingssohn des Vaters war, die Aufgabe zu, das Gedenken an die Eltern in Ehren zu halten. Er ist schon drei Tage vorher ohne seine Frau, die auch beim Militär war und gerade in Rente gegangen ist, aus der Hauptstadt der Provinz angereist. Seine Frau geht lieber allein shoppen und fühlt sich in der Kleinstadt nicht so wohl. Ausserdem hat sie nicht die beste Beziehung zur Familie ihres Mannes. Sie schiebt deswegen eine Krankheit vor.

Nachdem Sohn Zwei den Grabstein mit Wasser und einem eigens für diesen Zweck neu gekauften hässlich blauen Nylonlappen sauber geputzt hat, werden den Eltern Teigtaschen, Tomaten, Kiwis, Orangen, Mangos und Bananen auf dem Grabsockel angeboten, die Räucherstabchen in einem Windfang angezuendet und in eine mit Reis gefüllte Schale gesteckt. Solange die Stäbchen rauchen, wird normalerweise der gestorbenen Eltern in Stille gedacht. Die Brüder und Schwestern nutzen diese Minuten, um sich ihre neu gekauften Handys und Fotos vorzuführen. Sie sprechen über die Preise und übertrumpfen sich gegenseitig mit Empfehlungen für die günstigsten Tarife. Die Eltern stammen aus Shandong und waren Helden im Koreakrieg. Die letzten Jahre haben sie in einer zweistöckigen Kriegsveteranensiedlung gelebt, deren Abriss schon geplant ist, bevor sie vor zwölf Jahren verschieden sind. Die wichtigsten Errungenschaften und Stationen ihrer Lebensgeschichte sind auf der Rückseite des Grabsteines eingraviert, den die Kinder vor sechs Jahren aufgestellt haben. Wenn es möglich wäre und man damals daran gedacht hätte, den Eltern ein Handy mit auf die Reise ins Jenseits zu geben, könnte man ihnen heute per SMS mitteilen, dass sich die sechs Geschwister nicht um die Entschädigung für den Abriss des Hauses streiten werden.

Sohn Drei hat nicht nur ein neues Auto gekauft, sondern auch eine neue gestreifte und glänzende Hose. Ausserdem kämmt er sich die Haare neuerdings nach vorn und sieht dadurch viel jünger aus. Er vermeidet die ganze Zeit den Blickkontakt mit seiner Frau, die vermutet, dass er eine heimliche Beziehung hat. Eigentlich müssten die beiden glücklich sein. Ihre Tochter hat nämlich Anfang des Jahres eine gute Partie gemacht und einen Mann aus wohlhabendem Hause geheiratet. Er arbeitet in Beijing bei Coca Cola. Smog hin, Smog her, eine Arbeit in der Hauptstadt der Volksrepublik, das will schon etwas heissen. Sie hat in seiner Firma auch einen Job bekommen, möchte aber lieber wieder bei der Bank arbeiten. Um einen solchen Arbeitsplatz in Beijing zu finden, müsste man den Arbeitgeber wahrscheinlich mit etwa 100000 Yuan bestechen. Ihre wichtigste Aufgabe bestünde aber seit der Heirat eigentlich darin, schwanger zu werden und für Nachwuchs zu sorgen. Ihr Ehemann nimmt deswegen schon seit Monaten chinesische Medizin. Der Schwiegermutter ist beim Spaziergang mit ihrem kleinen Pudel ein Missgeschick geschehen. Er wurde überfahren und ist daran trotz aller angeblichen Rettungsversuche gestorben. Alle reden so darüber, als würden sie diese Geschichte glauben, obwohl sie genau wissen, dass die Schwiegermutter wegen ihrer Ansicht, dass die Haltung eines Haustieres für eine Schwangerschaft abträglich sei, dem armen Pudel den Garaus gemacht haben könnte. Dass die Eltern ihrer Tochter nun einen neuen Hund gekauft haben, der genauso aussieht, wird sie nicht verzeihen, und es dürfte eine tiefe Kluft zwischen den beiden Familien verursachen.

Als die Räucherstäbchen verglimmen, ist es die Aufgabe des ältesten Sohnes Eins, alle zur dreimaligen Verbeugung aufzufordern. Er ist schon lange geschieden. Sein Sohn wurde von der Mutter aufgezogen und macht seinem Vater das zeitlebens zum Vorwurf, ohne jedoch Worte darüber zu verlieren. Vielleicht hat diese Vernachlässigung ihn dazu angespornt, eine akademische Karriere einzuschlagen. Er lebt in Nanjing, hat dort Wirtschaft studiert, seinen Doktortitel kürzlich erworben, zum Neujahrsfest geheiratet und hätte vielleicht keine feste Anstellung bekommen, wenn er nicht schon vor über zehn Jahren in die Partei eingetreten wäre. Sohn Eins wird als der missratenste und unglücklichste angesehen und deswegen auch von seinen Geschwistern aus Mitleid unterstützt, wo es nur geht. Weil er keinen Job finden konnte, hat ihm sein jüngerer Bruder Sohn Drei den Lieferwagen angeschafft, mit dem er jetzt Transporte in der Stadt durchführt. Durch steigende Benzinpreise wird die Konkurrenz der Elektromobile immer grösser. Wenn er nicht mit seinem Transporter unterwegs ist, spielt er am liebsten Majiang. Das macht Spass und damit kann er auch ein bisschen Geld verdienen. Seit einiger Zeit hat er eine Freundin, die für ihn kocht und Wäsche wäscht. Auch wenn ihn alle Geschwister für dumm halten, weiss selbst er, dass seine Freundin es auf seine Wohnung abgesehen hat. Das Erbe mit einer Stiefmutter teilen zu müssen, wiederum macht seinem Sohn Kopfzerbrechen. Und für die anderen fünf Geschwister fällt dann vielleicht auch ihr Anteil an der Entschädigung geringer aus.

Nach der dritten Verbeugung vor den Eltern zeigt Sohn Drei den Geschwistern einen Platz auf dem Friedhof, wo das Fengshui wesentlich besser ist. Auf indirekte Weise bereitet er seine Brüder und Schwestern auf eine Beteiligung an seiner eigenen Grabstätte vor. Sie haben ihm auch schon die Operation nach seinem Herzinfarkt bezahlt.

Dann gehen alle zum Opferhof, um Papiergeld für die Eltern zu verbrennen. Über einer der rings an der Mauer eingelassenen Feuerstätten werden die Namen der Eltern geschrieben und darunter „erhalten” wie auf einer Quittung. In den Jahren zuvor wurde dem ärmsten Sohn Eins immer das Obst mit nach Hause gegeben.

Diesmal wirft die jüngste Schwester es mit ins Feuer. Sie ist auch schon lange geschieden und wird vermutlich von ihrem Mann unterhalten. Sie muss deswegen nicht arbeiten und bildet sich angeblich ständig weiter. Jedenfalls sammelt sie Zeugnisse, auf welchem Wege sie die auch immer erworben hat. Ihr neustes Hobby sind literarische Ambitionen, die sie regelmässig auf ihrem Blog veröffentlicht. Wahrscheinlich liest das niemand ausser dem engsten Freundeskreis und der Familie. Ihr Sohn hat in Tianjin studiert und arbeitet in Shanghai als Hotelmanager. Er ist schon lange nicht mehr nach Hause gekommen. Dafür hat seine Mutter ihn dort gerade zum Neujahrsfest besucht.

Die Tochter Zwei zeigt den anderen beim Opferfeuer die beschädigten Sohlen ihrer Stiefeletten. Das seien die einzigen Schuhe, die man bei einem solchen Anlass anziehen könne. Überall in der Stadt sei es schmutzig, besonders im Winter, wenn der Wind nicht nur den Sand, sondern auch den Kohlenstaub aus den Heizkraftwerken durch die Stadt wirbelt. Dabei hat sie von allen Geschwistern am meisten Geld. Ihr Mann ist in der Stadt bei der Steuerbehörde sicher nicht nur durch das reguläre Gehalt reich geworden. Davon zehrt sie seit seinem Tod durch Krebs vor vier Jahren. Sie hat das Geld in Wohnungen angelegt, wieviele weiss keiner so genau. Gerade noch rechtzeitig, denn die Regierung reguliert jetzt die Hamsterkäufe auf dem Wohnungsmarkt, um zu vermeiden, dass die Reichen alles aufkaufen, und die Armen sich keine Wohnung mehr leisten koennen. Durch diese Massnahme sind die Wohnungspreise erst recht gestiegen. Ihr Sohn hat in der Provinzhauptstadt studiert und eine Stelle bei der Regierung. Wenn er seine Prüfung als Beamter besteht, wird sein Leben nach Plan ablaufen. Für ihn wird es langsam Zeit, eine Frau zu finden, mit der seine Mutter einverstanden ist, und ebenfalls eine Wohnung zu kaufen, wenn seine Mutter das nicht schon für ihn erledigt hat, dann zu heiraten, einen Enkel zu zeugen und, ja, was kommt dann? Ja, und dann fängt der Ernst des Lebens an, denn ein Kind zu haben, ist die teuerste Anschaffung überhaupt. Und es ist die wichtigste Investition in die eigene Altersabsicherung, die mit der zunehmenden Überalterung der Gesellschaft immer mehr in Frage steht.

03_01_neubau_kDen Lebensunterhalt, den eigenen, den eines Kindes und schliesslich der Eltern, zu bestreiten, fängt immer noch damit an, einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Dazu gehört, den Lebensplan nach den permanent justierten Regeln im kollektiven Bewusstsein der sozialistischen Gesellschaft einzurichten. Mit der neuen Regierung ist der Traum des Bürgers zum chinesischen Traum geworden. Aber träumen reicht nicht mehr, man muss Pläne schmieden. Pläne fuer die Gründung einer eigenen Familie und die Fortsetzung des Stammbaumes. Darin spiegelt sich auch das konfuzianische Prinzip wider. Das ist der ewige Kreislauf des Lebens. Und vielleicht sogar der Natur oder des Erdballs, wie es Massive Attack besungen haben: Big wheel keeps on turning … on a simple lie … day by day. Eine simple Lüge ist eben keine Lüge, sondern das komplexe Theater, das jeder Mensch Generation für Generation und Tag für Tag auf der Bühne der Gesellschaft spielt, um zu leben. 24 Stunden, Tag und Nacht, das ist kein Unterschied, die Erde dreht sich einfach weiter …

03_02_gelaende_kEine deutsche Firma wirbt für die Innenausstattung der Neubauten so: Es werden nicht nur Laminatfussböden und Küchen verkauft, sondern ein Life Style vermittelt. http://www.tudou.com/programs/view/OCIEyVRSewA/

Der pausenlose Kiestransport der Lastwagen führt an alten Grabhügeln am Flussbett vorbei, wo vor noch nicht allzu langer Zeit in der Erde bestattet wurde.

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Auf welche Gedanken man kommt, wenn man mit dem Auto aus einer Millionenstadt im Nordosten Chinas fährt, um Eier einzukaufen. 

Gewinne werden ja, wie allgemein bekannt sein dürfte, betriebswirtschaftlich abgerechnet, Verluste hingegen volkswirtschaftlich. Für die guten Zeiten benötigt die freie Marktwirtschaft den globalen Handel, die Verbraucher und ihr Geld, für die schlechten Zeiten einen Staat, seine Bürger und deren Steuern. Deutschland bereut seine umfassende Privatisierung, während die sozialistische Marktwirtschaft chinesischer Prägung an ihrem immer noch sehr starken Staat festzuhalten sucht. Sein Schwächeln macht sich jedoch durch den wirtschaftlichen Wachstumszwang im globalen Wettbewerb immer mehr bemerkbar. So wurde mit der neuen Regierung auch das für die Bahn zuständige Ministerium abgeschafft und kurzerhand privatisiert. Die Tickets werden dann in Zukunft wohl teurer. Die Leute werden sich überlegen, ob sie sich nicht ein Auto anschaffen sollten. Und das ist ja ganz im Sinne der Automobilindustrie.

Von der letzten Finanzkrise, oder besser gesagt vom Beginn der Finanzkrise, die vom amerikanischen Immobilienmarkt und dem Bankwesen ausging und die dann auch die Autoindustrie erfasst hat, schien China einigermassen verschont geblieben zu sein. Das Wachstum war weiterhin zweistellig, in Beijing wurden 2008 glorreich die Olympischen Spiele gefeiert, zwei Jahre später in Shanghai die Expo abgehalten.

Genau in dieser Zeit haben wir uns einen Minibus der Marke Changhe gekauft, der von der Regierung gefördert wurde, um offiziell die Bevölkerung in den ländlichen Gebieten mobil zu machen, während der wahrscheinlichere Grund in der Unterstützung der Automobilbranche lag. Das war nur der Anfang einer langfristig angelegten Reihe von 5-Jahres-Guidelines, wie man sie neuerdings nennt, um nicht in den Verdacht zu geraten, Planwirtschaft zu betreiben. Wesentlicher Teil des Planes jedenfalls ist, den Anteil der urbanen Bevölkerung sukzessiv von jetzt knapp über 50% bis auf den westlichen Standard von mindestens 75% und mehr aufzustocken. Damit einher geht gezwungenermassen die Industrialisierung der Landwirtschaft. Der Minibus war nur ein Anfang, der im rechten Moment als Lockvogel Bauern ködern und der Industrie zum Frass vorgeworfen werden sollte. Die Bevölkerung auf dem Lande wird in den nächsten Jahren erfahren, was funktionale Urbanisierung wirklich heisst. Und diejenigen unter ihnen, denen es glückt, vom Land in die Stadt zu fliehen und dort einen Job zu finden, werden diese Entwicklung begrüssen.

Einen solchen Minibus zu fahren, gilt bei den Städtern als uncool, verät es doch auf Anhieb die ländliche Herkunft, wenig Bildung und Kultur und vor allem wenig Geld. Das Prinzip des “Gesichtes” geht soweit, dass sich sogar die eigene Verwandtschaft weigert, in ein solches Auto einzusteigen. Die Anschaffung eines deutschen Autos hingegen ist im Rennen um das persönliche Prestige an der Spitze. Es muss allerdings mindestens ein Audi sein, auf keinen Fall jedoch VW, und wenn es geht, Porsche oder Mercedes, oder ein BMW für die sportlichen unter den Städter. Die deutsche Autoindustrie hat sich längst mit ihrer Produktion im Reich der Mitte eingenistet und schreibt wieder schwarze Zahlen. Vergessen scheint die Finanzkrise, die staatliche Unterstützung und die Entlassungen der Arbeiter. Die Gehälter der Manager sind so hoch wie nie.

Während sich der Städter in China in der rush hour durch Stau und Smog quält, lobt der deutsche seine öffentlichen Verkehrsmittel oder eines seiner durchschnittlichen zwei Fahrräder. Er freut sich über jedes neu aufgestellte Windrad, wenn es nicht vor der eigenen Tür steht, hofft auf die Mission und den Export ökologischer Technik und stöhnt über die seit der Energiewende gestiegenen Strompreise im eigenen Land. Er tut alles, um den Klimawandel abzuwenden, und schimpft über das rücksichtslose Wachstum Brasiliens, Chinas oder Indiens. Die Kernkraftwerke daheim werden abgeschaltet, in den Nachbarländern laufen sie dafür auf vollen Touren, und in Brasilien wird sogar in Kernkraft investiert. Das Abendland beherrscht eben die Doppelmoral.

Wenn mir jetzt noch ein politisch korrekter deutscher Städter sagt, dass das Leben in der Stadt ökonomischer und ökologischer ist als das Leben auf dem Land, dann weiss er nichts von Energiesklaven und wie die Güter massenproduziert werden, die er so günstig einkauft. Oder er will es nicht wissen. Man kann sich in der Stadt mit noch so sparsamem Verhalten das Gewissen beruhigen, trotzdem ist das gesamte Energie-, Produktions- und Transportwesen notwendig, um die Maschine Stadt am Laufen zu halten. Und jeder Städter trägt seinen Teil dazu bei, ob er will oder nicht. Aber machen wir uns nichts vor, diese Mechanismen haben in westlichen entwickelten Ländern längst aufs Land übergegriffen. Im Prinzip gibt es doch nur noch städtischen Lifestyle.

Während ein Deutscher im Dorf auf das Auto angewiesen ist, um im nächsten Supermarkt seine Einkäufe zu tätigen, leistet es sich der Chinese aus der Stadt, am Wochenende aufs Land zu fahren, um sich zu erholen und Gemüse ohne Pestizide, Fleisch ohne Hormone, Eier von frei laufenden Hühnern zu kaufen. Das erinnert mich an meine liebe deutsche Verwandtschaft in den späten 60er Jahren. Da sind sie am Sonntag mit ihrem schnittigen weissen und sauber geputzten Opel Kadett aus Bremen gekommen und haben die frische Milch gelobt und sich vor dem Stallgeruch geekelt. Meine Eltern haben wie an jedem anderen Tag der Woche die Kühe gemolken und den Stall ausgemistet. Und ich musste frische Sonntagskleidung tragen und habe mich für den eigenen Stallgeruch geschämt.

Fast 50 Jahre später fahre ich nun als chinesischer Städter und stolzer Besitzer eines Changhe Minibus ins Dorf, um Eier einzukaufen, und schaue mir an, was die frei herumlaufenden Hühner im Dorf so vom Boden aufpicken. Ist das etwa Popcorn? Mais würde mich ja nicht wundern. Denn in dieser Gegend wird eigentlich nichts anderes angebaut. Futter, Lebensmittel, Öl, Schnaps, Fleisch und Eier werden aus dem Mais hergestellt. Deutschland baut den Mais an, um Biodiesel, Gas und Energie, oder sagen wir doch gleich Geld wird daraus zu machen. Futtermittel hingegen müssen importiert werden. Das scheint sich aber zu lohnen. Der Bauer ist ein wohl kalkulierender Geschäftsmann geworden. Moment mal, ist das nicht Styropor, an dem die Hühner picken? Ich wusste gar nicht, dass der auch nahrhaft ist. Oder die Hühner haben herausgefunden, dass er gut für die Verdauung ist. Vielleicht hält er sie im Winter auch warm. Styroporplatten werden derzeit an allen neuen Gebäuden, die schneller als die Pilze aus dem Boden wachsen, zur Waermedämmung angebracht. Alte Häuser, wenn sie noch nicht abrissreif sind, werden nachgerüstet. Und der Wind bläst dicke Brocken und kleine weisse Kügelchen überall hin.

Die Chinesen sorgen sich darum, wie sie sich eine solche warme Wohnung in der Stadt leisten können, während sich der Deutsche Sorgen um die Brandgefahr macht, die Einsparung anzweifelt, aber doch das Klima retten möchte. Was schert das die Hühner?

Die Eier sind übrigens hier im Dorf um 50% teurer als auf dem Markt in der Stadt. Wir überlegen es uns noch einmal.

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foto_01xiaoshanzi2013 alias Piet Trantel – 24.März 2013

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Das Dorf Erlangdong befindet sich am nordwestlichen Stadtrand. Es dauert nur 10 min. mit dem Fahrrad in die Stadt.

Die meisten fahren aber lieber mit dem Elektro-Bike zur Arbeit, weil es bequemer ist. Die Grundstücks- und Wohnungspreise sind durch die Nähe kaum geringer als in der Stadt.

dorf_32_kgrau_01dorf_65_kblack_smallrot_02dorf_39_kEs gibt relativ viele Kioske (Abb. 1 + 2), wo man alles außer Grundnahrungsmitteln kaufen kann.

Gemüse und Fleisch wird in der Stadt gekauft oder im Frühjahr selbst angebaut. Wer größere Flächen (ab 1/2 ha) hat, baut Mais an.

Ausserdem gibt es Obstbäume. Am Kiosk bietet ein Ofenbauer seinen Service an (Abb. 3).

dorf_43_kEin alleinstehender älterer Dorfbewohner ist Mönch in der Stadt geworden und möchte sein kleines Haus seit Jahren verkaufen (Abb. 4).

Es besteht aus zwei kleinen Räumen, die sehr verfallen sind. Die wirtschaftliche Entwicklung fängt die Preissenkung durch den Verfall mehr als auf. Warten lohnt sich für ihn also immer noch.

Ein älteres Ehepaar bietet ein ca. 6400 qm grosses dorf_30_kGrundstück mit Häuschen und eigenem Brunnen an      (Abb. 5).

Der Verkaufspreis entspricht dem Kaufpreis einer Wohnung in der Stadt, die der Sohn braucht, wenn er heiratet.

Sie würden gern so schnell wie möglich verkaufen.

Während die jüngere Landbevölkerung in die Stadt zieht, kaufen reiche Städter ein Haus auf dem Land oder bauen   dorf_55_kneu (Abb. 6).

So wird die Stadt bevölkert und das Land funktional urbanisiert.